KVHBF Vitrinen
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Florian Deeg &
Jáno Möckel
Leerlauf und: Warten auf Durchzug

10. Juli — 15. August 2021

In ihrer Ausstellung in den Vitrinen des Kunstvereins beschäftigen sich Florian Deeg und Jáno Möckel mit dem Vergessen von Orten, Gegenständen und menschlichen Begegnungen. Dabei hinterfragen sie den doppelten Charakter von Vitrinen, einerseits als museale Präsentationsform für Kunst und andererseits als Werbeformat für Waren des Konsums. In ihrer multimedialen Installation verbinden Deeg und Möckel den Konservierungsprozess von Erinnerung mit der Ästhetik des Verfalls. Dafür eignen sie sich Gegenstände und Orte des Alltags an. Die vertraut wirkenden Objekte und Räume werden durch Verfremdung des Materials oder ungewohnte Perspektiven surreal inszeniert. Hinter den Glasscheiben der Vitrinen wirken sie dem Alltagsleben seltsam entrückt.

Florian Deeg beschäftigt sich in seiner Arbeit mit den Möglichkeiten und Übergängen analoger und digitaler Modelle. In einer Rauminstallation deren Ästhetik sich zwischen Schaufenster, Büroraum und privatem Interieur bewegt, zeigt Deeg eine von ihm entwickelte Webseite "leute-in-deutschland.de". Diese wird auf einem alten, nikotinvergilbten Computer mit deutlichen Gebrauchsspuren aufgerufen. Auf der Seite erscheinen einmalig alle Namen, die im deutschen Telefonbuch im Herbst 2016 verzeichnet sind. Das zufällige Erscheinen von Menschen, hier ausschließlich vertreten durch ihre Namen, stellt eine Analogie zum Geschehen im Bahnhof her. Das Zusammentreffen von Personen und ihr gleichzeitiger „Auftritt“ sind sowohl auf dem Bildschirm als auch real vor Ort beliebig. Den Harburger Bahnhof, seine Wege und verwinkelten Ecken thematisiert Deeg in einer weiteren Arbeit. Auf zwei Screens werden synchron laufende Videos gezeigt, die sich der unmittelbaren Umgebung des Bahnhofs außerhalb des gewöhnlichen Sichtfelds widmen. Mithilfe einer selbstgebauten Kamerakonstruktion erzeugt Deeg Aufnahmen, die den Orientierungssinn der Betrachter:innen herausfordern. 

Jáno Möckel reflektiert in seinen Arbeiten die Unzulänglichkeiten des alltäglichen Lebens in einem sozio-ökonomischen Kontext. In den Vitrinen inszeniert er das Schaufenster eines Pfandleihhauses. Die in Pfandgeschäften beworbenen Objekte sind keine Neuwaren, sondern wertvolle Gebrauchsgegenstände. Die Auslage im Schaufenster erfolgt erst dann, wenn ein Darlehen nicht zurückgezahlt werden kann und der beliehene Gegenstand bei der darauffolgenden Auktion nicht versteigert wird. Hinter den Verkaufswaren verbergen sich persönliche Geschichten und menschliche Notlagen. Die Frage nach Wertproduktion bzw. Wertverlust von Waren sind wiederkehrende Themen in Möckels Arbeiten. In der Ausstellung begegnet er der eigenartigen Ästhetik von Leihhaus-Schaufenstern zwischen Juwelier und Second-Hand Shop mit einem Diorama aus grau beflockten Objekten. Üblicherweise wird Beflockung zur Veredelung von Oberflächen eingesetzt und findet Verwendung bei Schmuckschatullen zur Präsentation und Aufbewahrung. Aus der Ferne wirkt das Diorama jedoch auf künstliche Weise verstaubt. Die verfremdeten Waren zeugen sowohl von Vernachlässigung und Wertverlust als auch von Veredelung und Wertproduktion.

 In zwei gemeinsam gestalteten Vitrinen treten die Arbeiten von Deeg und Möckel in einen Dialog. Die jeweils verwendeten künstlerischen Materialien und architektonischen Elemente des Anderen werden aufgegriffen, gespiegelt und in neue Zusammenhänge gebracht. Die konkrete Auseinandersetzung mit den Thematiken von Verfall und Nostalgie erfährt in der Pandemie eine Aktualisierung. Dies wird augenfällig beim Blick in die verwaisten Vitrinen.

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