KVHBF Vitrinen
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Dialog 5:
See U Th3re
Elisabeth Moch & Sara Malie

29. Januar — 28. Februar 2021

Vitrinen
Sara Malie und Elisabeth Moch

Schrödingers Katze, ein stählernes Kreuzworträtsel und ein Stahlstaubabdruck, Gewebe aus Pflanzenteilen, ein Strickschal und ein Blumenstrauß als Hinterglasmalerei mögen zunächst wenig gemeinsam haben. In Dialog 5 der Reihe „See U Th3re – Dialoge zwischen Fenstern“ von Sara Malie und Elisabeth Moch aber greifen diese unterschiedlichen sozialen, kulturellen und epistemischen Codes ineinander und versuchen eine gewisse Ordnung in diese Zeichen von gleichzeitig verbundenen und paradoxen Strukturen zu bringen. An- und Abwesenheiten, alltägliche Erfahrungen, Netzwerke und Techniken bestimmen die ihrerseits gleichzeitig präzisen und paradoxen Installationen in der Vitrine der HFBK und den KVHBF Vitrinen.

Elisabeth Moch arbeitet in ihre Gewebe unter anderem getrocknete Brennnesseln ein, denen mythische und heilende Kräfte zugesprochen werden. Diese Art von (traditionell weiblichem) Wissen verbindet sich in der Webtechnik mit einer anderen Art von Wissen: Aus Kette und Schuss und der binären Lochkartenlogik von 0 und 1 des Webstuhls entsteht ein nicht nur materielles Gewebe.

Auch Malie verweist mit ihrer Stahlstaubabdruck auf die Industrialisierung, dessen archetypisches Material sich hier als fragile Spur zeigt. Der Abdruck verweist zugleich auf die KVHBF Vitrinen, wo die Arbeit als Skulptur zu sehen ist. Ein stählernes Kreuzworträtsel setzt sie in Beziehung zum als "Schrödingers Katze" bekannten hypothetischen Experiment. Es veranschaulicht ein quantenmechanisches Paradoxon atomarer Zusammenstellungen, die vom Moment der Beobachtung abhängen also das vom Betrachter "Gesehene", tatsächlich nicht-Vorhandene. Ähnlich stehen auch bei Kreuzworträtseln die vorher gesehenen/gewussten Antworten und die freien Lösungsmöglichkeiten in einer paradoxen Abhängigkeit zu einander: Sie ermöglichen die Erkenntnis späterer Lösungen, können allerdings gleichermaßen weitere Antworten verhindern/einschränken. Dies dient als Verbildlichung davon, wie eine fehlerhafte Grundlage das tatsächliche Chaos und die Widersprüche der Realität nie wirklich bewältigen kann.

Die Lösungen bleiben bei Sara Malie beide abwesend, eine Idee von Erwartung aber scheint auf. Elisabeth Moch spielt ebenfalls mit diesen Erwartungen und hat mittels unterschiedlicher Techniken und Materialien eine bäuerliche Stube zwischen Warteraum und Schaufenster gestaltet: geschnitzte Holzarbeiten, eine noch nicht fertige Strickarbeit, eine Hinterglasfasermalerei und eine Lichterkette verbinden sich zu einem Setting zwischen Traditionalität und moderner Technik. Die technisch-männliche Konnotation des Materials Glasfaser, das industriell für den Schiffs- und Flugzeugbau, die Raumfahrt und Digitalisierung genutzt wird, stellt einen Grundbaustein der modernen Vernetzung dar. In Mochs künstlerischen Arbeit trifft das Material auf verspielte, klischeebedingt weiblich konnotierte, an Dekoration, Häuslichkeit und Fürsorge erinnernde Symbole und selbstgewobene, archaisch anmutende Stoffe.

Durch ihre medialen und konzeptionellen Gegensätze, die wechselseitigen Bedingungen und gleichzeitigen Ungleichzeitigkeiten werden die Vitrinen als solche infrage gestellt. Sara Malie und Elisabeth Moch hinterfragen den Blick als Motiv, das manchmal auch widersprüchliche Darstellen und das Beobachten. Mit diesem Betrachter*innenmoment und der Trennung durch Glas kreieren die Vitrinen eine paradoxe Raumsituation: Die Überlagerung zweier Zustände kann einen möglichen Zustand darstellen - wie im Gedankenexperiment von Schrödingers Katze. Und wie in der Vitrine, die zur Bauernstube, zum Warteraum wird.

In fünf dialogischen Ausstellungen treffen seit Oktober 2020 je zwei von insgesamt zehn künstlerischen Positionen nicht nur aufeinander, sondern auch auf die jeweiligen Eigenschaften der Ausstellungsorte. Am Anfang stand ein Open Call, der danach fragte, die Vitrinen und die ihnen eingeschriebene Logik von Repräsentation und Sichtbarkeit in Hinblick auf Feminismus, Care und Freundschaft zu hinterfragen, herauszufordern und umzudenken.

Sara Malie (*1992) lebt und arbeitet in Hamburg und auf der dänischen Insel Fünen. Verankert in dem Glauben, dass Science Fiction politisches Potential trägt, nehmen Saras Skulpturen und Installationen oft die Form dystopischer Landschaften oder Instrumente an. Indem sie Systeme oder Ereignisketten nachahmen, spielen ihre Stücke mit einer konspirativen Vorahnung und ermutigen den Betrachter zu dem Versuch, ihr integriertes System der gemeinsamen und kulturellen Logik zu verlassen.

Elisabeth Mochs (*1991, lebt und arbeitet in Hamburg) Arbeiten spielen mit der Rolle der Volkskunst als auch der Häuslichkeit innerhalb einer digitalen, vernetzten und hyperkulturellen Welt. Glätte und Chaos, maschinelle Herstellung und Handwerk, Visionäres und Nostalgisches, als auch das Verhältnis des Individuums zur Gemeinschaft materialisieren sich in ihren Installationen und Bildobjekten. Im Umgang mit kunsthandwerklichen Techniken und Genres, wie dem Weben, Schnitzen und einer eigens entwickelten Form der Hinterglasmalerei, erschafft sie skulpturale Bildobjekte und inszeniert Räume, die sowohl an bäuerliches als auch an sakrales Interieur erinnern.

Podcast 5:
Care mit Sascia Bailer & Laura Mahnke

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