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Künstler:innengespräch
Elif Saydam im Gespräch mit Annette Hans

10. April — 20. Juni 2021

Das Video finden Sie am Ende der Seite. 

Übersetzung
Künstler:innengespräch mit Elif Saydam



Annette Hans (AH): Ich freue mich, hier mit Elif Saydam sitzen zu können, der Künstler:in unserer Ausstellung Elif Saydam ...schläft sich durch im Kunstverein Harburger Bahnhof. Ich möchte gerne mit dem Titel beginnen. Warum hast du die Ausstellung ...schläft sich durch genannt?

Elif Saydam (ES): Darauf gibt es viele verschiedene Antworten. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass der Titel von einem Garfield-Comic kommt, den ich in der Arminiusmarkthalle gekauft habe, einer Markthalle gegenüber von meinem Atelier. Ich lese Comics gerne auf Deutsch, um mein Deutsch zu verbessern. Es handelt sich also um einen Titel einer Ausgabe von Garfield und ich war als Kind ein riesiger Garfield-Fan. Aber ich denke, es hat sich auch so passend angefühlt, weil es an erster Stelle auf die Idee der Faulheit anspielt. Vorstellungen von Arbeit und Produktivität sind bei der konzeptuellen Entwicklung von Arbeiten ganz präsent für mich.
Auch wegen der zeitlichen Verschiebungen hat es gut gepasst. Denn man darf nicht vergessen, dass es schon eine Herausforderung ist, eine Ausstellung während einer Pandemie zu machen. Wegen diverser Terminverschiebungen, weil man trotz all der Ungewissheit immer wieder versucht, sich die Dinge zu vergegenwärtigen und ein gewisses Engagement, eine gewisse Aufmerksamkeit für die Arbeit aufrechtzuerhalten. Ich finde, dass dieser Gedanke des Sich-Durchschlafens eine witzige Art ist mit der Frustration umzugehen, die damit einhergeht Dinge zu Ende bringen zu wollen.
Dann gibt es noch ein drittes Element: Als ich das erste Mal hierherkam, um mit dir die Räume anzusehen, war ich wirklich begeistert von den Malereien an den Decken aus der Zeit, als das hier ein Wartesaal mit Restaurant war. Diese wunderbaren Malereien oder Zeichnungen habe ich dann auch in dem Teppich aufgenommen, den wir produziert haben. Diese Rosette hier ist eine Reproduktion, die ich von einem der Deckenmotive abgezeichnet habe. Ich wollte das Verhältnis von Decke und Boden umdrehen; das auf Bodenhöhe bringen, was eigentlich hoch oben ist. Wie wenn man sich hinlegt und wahrnimmt, was über einem ist, wenn man vielleicht eigentlich gerade arbeiten müsste, aber stattdessen liegt man ausgebreitet auf dem Boden. Es gibt also viele Gründe, warum es zu diesem Titel kam, die alle in etwas sehr Humorvollen verankert sind, was ein großer Bestandteil meiner Arbeit ist.
Gerade sitzen wir hier im Blauen Salon, wie er genannt wird, und ich dachte, du könntest vielleicht ein bisschen etwas über die Geschichte dieses Raumes erzählen? Die finde ich nämlich sehr interessant.

AH: Der Kunstverein befindet sich in den alten Warteräumen erster und zweiter Klasse aus der Zeit, als der Bahnhof gebaut wurde und es noch einen Kaiser gab. Der Blaue Salon – so wird es zumindest erzählt – war reserviert für den Adel, oder vielleicht gar für den Kaiser selbst. Der Raum hatte separate Treppen zu den Gleisen hinunter, sodass der Kaiser sich nicht unter die gewöhnlichen Leute mischen musste. Natürlich steht schon die erste und zweite Klasse für die Oberschicht, aber das ist gewissermaßen die Kombination der Trennung sozialer Klassifikationen.

ES: Genau, und als ich hier war, um die Räume zu besichtigen, hat sich diese Information so fest bei mir verankert, weil diese Klassenhierarchie schon in den ganzen Räumlichkeiten steckt. Aber dann findet sie sich wie ein Mikrokosmos nochmal in diesem Raum hier. Das fand ich sehr interessant. Außerdem hast du mir damals nebenbei erzählt, dass dieser Ort für eine kurze Zeit eine Spielhalle war, bevor er zur Kunstinstitution wurde. Das ist eine zweite Sache, auf die ich mich fixiert habe. Mich interessiert die Umwidmung von öffentlichem Raum, insbesondere von so einem prächtigen neo-klassizistischen Raum in etwas anderes. Solche Casinos oder Spielhallen gibt es ja in jedem Bahnhof. Es handelt sich dabei um eine Verkehrung von oben und unten, eine 180°-Drehung, das fand ich besonders spannend.
Ich habe überlegt, wie ich damit umgehen kann, dass es diesen separaten Raum gibt, der, wenn ich das richtig verstanden habe, normalerweise als Projektionsraum für Videos verwendet wird.

AH: Häufig, ja.

ES: Ich dachte mir, als Maler:in wäre es eine tolle Möglichkeit eine Ausstellung in der Ausstellung zu machen. Ich habe daran gedacht, wie wir vor der Pandemie in vielen Kneipen unterwegs waren, vor allem nach Eröffnungen. Wenn man dort zu den Toiletten durchgeht, findet man die Ecken mit den „einarmigen Banditen“, wie ich sie gerne nenne, den Spielautomaten. Das ist ein bisschen wie eine private Zone innerhalb eines öffentlichen Raums, an dem Leute wirklich faul die Zeit vertreiben. Gleichzeitig ist es verbunden mit dem Gedanken, mal Glück zu haben. Wetten und Casinos haben mich schon immer fasziniert, wegen ihrer Beziehung zum schnellen Reichwerden oder dem amerikanischen Traum davon, den eigenen sozialen Status mit nur einem Klick verändern zu können. Deshalb dachte ich, dass ein Casino-Teppich wirklich toll wäre. Das war also die Inspiration dafür, diesen Teppich hier zu entwerfen. Er ist außerdem inspiriert von den vielen Teppichen, die ich auf meiner Fahrt nach Las Vegas gesehen habe. Ich komme aus Vancouver Island und bin nach Nevada gefahren. Dort haben sie in allen Hotels diese wahnsinnigen Teppiche, von einer Wand zur anderen, die sind da überall und haben verschiedene Funktionen. Zunächst einmal geht es um den Lärm, Casinos sind so laute Orte und die Teppiche absorbieren die Geräusche. Außerdem schafft es eine Art von Zugang – diese Hyperdekoration und die ganze visuelle Stimulation, das ist wie, wenn man in diese Muster eingehüllt wird. Eine weitere Funktion ist: Weil alles so weich ist, ist man wie abgeschnitten, irgendwie weggetreten, weil man sich andauernd auf dieser kuscheligen Oberfläche bewegt.
Dieser Raum hier hat also Momente von all diesen verschiedenen Dingen, die mir durch den Kopf gingen, nachdem mich unser erstes Treffen hier und unsere Gespräche über die Pläne für die Ausstellung so inspiriert hatten.

AH: Vielleicht kannst du noch etwas mehr zu Dekoration sagen. Du verwendest Dekoration ja auf sehr unterschiedliche Weisen. Es gibt die Dekorationen an der Decke, aber es gibt auch Früchte, die ja in verschiedenen Systemen von Dekoration eingebettet sind.

ES: Ich habe ein ganz allgemeines Interesse an Dekoration, das im Hinterfragen dessen liegt, was als fein gilt – wie viel ist zu viel? Da geht es vor allem um westliche Kategorien von Geschmack, für mich als Person mit türkischem Hintergrund. Denn da gibt es ein ganz anderes Gespür für Schönheit, was als „illustrativ“ oder „dekorativ“, und was als rein und schön angesehen wird. Das ist schwer zusammenzubringen mit der Geschichte moderner Malerei. Ich habe eine Tendenz zur übermäßigen Verzierung, fast wie eine transgressive Handlung. Andere Muster des Teppichs sind wiederum mit Kitsch verbunden. Das Sternenmotiv ist gewissermaßen eine Kopie von dem kleinen Maskottchen in einer der Malereien [Mobility;) ], die eine Spielhalle zeigt – eine wirklich jämmerliche an der U-Bahn-Haltestelle Prinzenstraße, an der ich ständig mit dem Rad vorbeifahre. Es ist ein kleiner Stern, der vermutlich glücklich aussehen soll. Aber er sieht ein bisschen verstört aus. Außerdem wirkt er ein bisschen wie die Mona Lisa: Wo auch immer du bist, schaut er dich an. Es gibt auch diesen Witz, ein „lucky star“ zu sein. Und gewissermaßen ist es auch ein Selbstportrait der Künstler:in, dieser Aspekt einen Moment im Rampenlicht zu stehen, auf dem Kissenstapel sitzend. Außerdem ist es verbunden mit meinem Interesse daran, wie Comics ganz spezifisch in der Werbung verwendet werden, weil sie sehr affektbetont sind. Auf diese Weise wird ein:e erwachsene Konsument:in sozusagen infantilisiert, sodass sie dem Produkt erliegen will. In diesem Fall hier funktioniert es aber eigentlich nicht so richtig. Der Stern ist so kitschig, oder Camp, und ganz offensichtlich nicht fröhlich. Aber er wird in diesem Kontext verwendet, um dich einzuladen. Ich denke, das hängt mit unserer Beziehung zu Comics und Zeichnungen zusammen: Als Kinder werden wir dazu sozialisiert, das ansprechend zu finden. Ich finde auch sehr interessant, wie sich das auf das Erwachsenenalter bezieht.
Es gibt also diese zwei Hauptmotive - die Rosette von der Decke und der von Zitronen umgebene Stern. Ich möchte noch erwähnen, dass die Zitronen auf diesen Spruch verweisen, „Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus.“, was auf eine ganz moralisierende Art sagen soll, dass man mit einer beschissenen Situation zufrieden sein soll. Das finde ich tatsächlich sehr beleidigend, denn wenn das Leben dir Zitronen gibt, dann hast du Zitronen. Dieser Gedanke, dass man es in etwas Positives verwandeln soll, ist mit einem gewissen grausamen Optimismus verbunden. Hier fließen also viele verschiedene Ideen zusammen. Aber ich denke es funktioniert wirklich gut in dieser Form des überschmückten Teppichs.
Das dritte Muster unterbricht immer wieder die anderen beiden und es enthält den Satz: „First grub,“ - das ist Slang für Essen –„then ethics.“ Das ist im Grunde eine schlechte Übersetzung von Bertold Brechts „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“, was meiner Meinung nach eine wirklich bemerkenswerte Aussage ist. Ich mag sie sehr gern, und man kann sie nicht wirklich ins Englische übertragen, wegen des Wortes „Fressen“ anstelle von „Essen“. Das gefällt mir so, weil es etwas Animalisches hat. Da liegt eine Dringlichkeit in der Verwendung dieses Wortes anstelle des Wortes, das man eigentlich für Menschen verwenden würde. Etwas davon geht verloren, wenn man es ins Englische übersetzt. Aber ich interessiere mich sehr für schlechte Übersetzungen, schlechte Neugestaltungen oder Umbauten.

AH: Dein Stern hat als kleinen Zusatz noch wirklich komische Augen.

ES: Ja, der Stern ist manipuliert, das mache ich auch viel. Zusätzlich zu schlechten Übersetzungen und schlechten Renovierungen ist auch schlechte Bildbearbeitung immer wieder ein Teil meiner Arbeiten. Deshalb habe ich dem Stern die blutunterlaufenen Augen hinzugefügt, die davon erzählen, dass es im Grunde nicht einfach ist, oder auf Erschöpfung und das Überarbeitet-Sein anspielen. Eigentlich verweisen sie auf die Art von Erschöpfung, die zum Beispiel vom ständigen Positivbleiben kommt. Das erzählt etwas über Künstler:innen als Produzent:innen, betrifft aber auch die Gesellschaft ganz allgemein, wenn es darum geht Arbeiter:in oder Konsument:in zu sein… Limonade zu machen, ist tatsächlich auch wirklich anstrengend!

AH: Das sind die meisten Dinge… Deshalb ist da vielleicht auch ein bisschen Blut.

ES: Ja, da kommen Blutstropfen aus den Zitronen. Auf dem Teppich passiert sehr viel.
Ein anderer Grund warum ich so interessiert bin an übermäßiger Dekoration und übermäßigen Verzierungen ist, dass dabei widersprüchlich oder mehrdeutig ist, worin die Polemik steckt. Es lässt einen riesigen Ozean an Interpretationen zu. Das ist schwer zu erreichen, wenn man gleichzeitig auch extrem offensichtlich, wörtlich und klischeehaft ist. Ich arbeite viel damit, so wörtlich wie möglich zu sein, so klischeehaft wie möglich, aber gleichzeitig auch einen solchen Katalog an Referenzen zu schaffen, dass es viele mögliche Richtungen gibt, in die es abhängig von der Betrachter:in gehen kann. Ich denke, das ist wirklich wichtig für mich.

AH: Vielleicht ist da eine Sache, die die Dekoration oder die damit verbundene Wertfrage noch ein bisschen weitertreibt, als nur der Teppich selbst. Damit meine ich diese sehr spezifische Art, wie du das Material in der Malerei verwendest. Du bist Maler:in, aber nicht auf eine ganz klassische Art. Hier in diesem Raum sind lauter A4-Leinwände. Das könnte man vielleicht als eine gewöhnliche Malerei-Ausstellung bezeichnen, aber irgendwie auch nicht ganz, auch weil die Bilder ihre Wirkung im Verhältnis zum Teppich entwickeln.

ES: Ja, das stimmt. Ich denke, ich könnte argumentieren, dass auch die Kostüme Malerei sind. Aber auf Leinwand gespannte Malerei mache ich jetzt schon seit Jahren in diesem begrenzten A4-Format. Das hat angefangen als eine Art Malerei fast wie Tagebuch-Schreiben zu betreiben, die Leinwand wie Seiten in einem Buch zu behandeln und das den Betrachter:innen gegenüber wirklich deutlich zu machen, vor allem durch das mehrdeutige Format und dadurch, dass ich die Oberfläche wie eine Collage behandle. Ich verwende viele Fotografien. Ich habe überlegt Siebdruck zu verwenden, bin aber zu dem Schluss gekommen, dass selbst das schon in der Technik zu fein ist. Deshalb nutze ich Techniken aus dem T-Shirt-Druck, die eigentlich nur so zum Rumbasteln sind. Dazu verwende ich Ölfarben und reines Gold, und das ist eigentlich ein wirklich offensichtlicher Versuch, Aufmerksamkeit zu erregen. Aber es geht auch um einen Gag, darüber haben wir privat viel gesprochen, der von der Idee handelt, dass etwas wieder und wieder verwendet wird, das gleichzeitig zu viel und nicht genug versucht. Es versucht Aufmerksamkeit zu erregen, es versucht etwas zu verkaufen, es bemüht sich so sehr, aber ist gleichzeitig so faul, weil es irgendwie billig ist. Gold ist, vielleicht abgesehen von Bitcoins heute, der stabilste Wert. Und es hat eine sehr geschichtsträchtige Verbindung mit der Malerei, sowohl im westlichen Kanon der Ikonenmalerei, als auch in der türkischen Miniaturmalerei, auf die ich explizit verweisen möchte. Viele der Motive, die ich male, wie zum Beispiel in dem grünen Bild [Free market], sind Motive, die ich der türksich-ottomanischen Miniaturmalerei des 16. und 17. Jahrhunderts entnehme.
Es hat etwas Nahbares an sich, Arbeiten in so zierlichen Maßen zu machen. Aber ich denke, das ist genau der Punkt, an dem die Herausforderung für mich interessant wird: Dass man tatsächlich die Aufmerksamkeit von jemandem bekommen kann, wenn man in so einem kleinen Format arbeitet. Meistens funktioniert das auch, muss ich sagen. Ich glaube nämlich, dass das eine ähnliche Wirkung hat wie der Stern. Als Kinder schauen wir uns auch Bücher an, die so übermäßig viele Details haben, zum Beispiel beim Vokabeln Lernen. Ich denke, dass wir latent darauf trainiert sind, Detailinformationen aufdröseln zu wollen. Es hat für mich sowohl etwas Freudvolles als auch etwas Herausforderndes, in diesem Format zu arbeiten.
Es ist auch schön eine eher traditionelle Malerei-Ausstellung, so könnte man diesen Raum hier nennen, innerhalb einer Ausstellung zu machen, bei der die große Herausforderung darin bestand, Malerei in einer Halle zeigen, die eigentlich keine Wände zum Hängen hat. Deshalb hatte ich große Freude daran, diese verschiedenen Aspekte zusammenzubringen und in dieser Ecke hier einen sehr dichten, konzentrierten Raum zu gestalten.