Ausstellungen
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Paul Kolling
Break of Gauge

27. Juni — 19. Juli 2020
Im Kunstverein Harburger Bahnhof durchschneidet gerade ein 35mm-Film den Raum: entweder nimmt man die Rampe und steht auf der rechten Seite — oder die Treppe und steht links. Insgesamt 320m Film sind es. An fünf Stellen stehen entlang der Strecke Projektoren, die das, was der Film abbildet, groß zeigen. Zwischen der ersten und der letzten der fünf Leinwände liegen 600km.

Der Filmstreifen zeigt die Güterzugverbindung von China nach Hamburg, die so genannte Neue Seidenstraße und damit eine wichtige Infrastruktur der Chinesischen Export- und der Europäischen Importwirtschaft. Satelliten- und Luftaufnahmen aus unterschiedlichen Datenbanken hat Paul Kolling zu einem durchgängigen und geradlinigen Verlauf der Bahnstrecke zusammengefügt. Es ist eine auf GPS-Daten basierende Vermessung dieser Strecke, von der, abgesehen von den wichtigsten logistischen Knotenpunkten, Transportzeiten und Grenzübergängen, kaum geographische Informationen bekannt sind.
Diese Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine abstrakte und fiktive Kartenprojektion. Die vermeintliche Logik und Objektivität sind wie die faktische Nüchternheit des Warenverkehrs bei genauerer Betrachtung aber weit komplexer. Auf Bildebene zeigt sich das anhand von Brüchen im Verlauf, Unterschieden in der Qualität und der Farbigkeit oder den Verzerrungen, die beim Begradigen entstanden sind — letztlich ein Problem dem Darstellungen der Welt schon immer unterliegen: Jede Darstellung trifft Entscheidungen darüber, was sie wie an welcher Stelle darstellt und was sie als Zentrum wählt. Himmelsrichtungen und Koordinaten dienen hier der Orientierung. In „Break of Gauge“ sind diese allesamt aufgehoben und einer einfachen Linearität unterworfen worden, die weder Nord noch Süd, noch andere Rastervorstellungen von Welt kennt.
In einer engen Verbindung zwischen (visueller) Faszination und Technizität hinterfragt der 35mm-Film Beziehungen zwischen Vermessungstechniken und geopolitischer Erschließung einerseits, und den konkreten Landschaften andererseits. Was man sieht, bleibt seltsam abstrakt und lässt hinsichtlich räumlicher und geodatenbasierter Orientierung kaum Rückschlüsse auf die tatsächlichen Bedingungen dazwischen zu — und aufgrund der Bearbeitung auch nicht auf die tatsächlichen Orte der Aufnahmen.
Was bleibt sind Fragen nach den Versprechungen wirtschaftlichen Wohlstands und geopolitischer Expansion sowie den politischen, ökonomischen und sozialen Machtverhältnissen, die mit der Globalisierung von Warenbeziehungen und Infrastruktur einhergehen.

Parallel zum Filmstreifen — so kann man sich vorstellen — ist real ein Zug von China nach Hamburg unterwegs. Rund sechzehn Tage wird es dauern, bis er ankommt. Sechzehn Ausstellungstage dauert es auch, bis die Projektionen Hamburg zeigen werden und der Container, in dem für Kolling ein GPS-Sender mitreiste, am Harburger Bahnhof vorbeikommt. „Break of Gauge“, so wie die Arbeit nun hier zu sehen ist, enthält mehr als nur diese Analogie: Eisenbahn und Film sind beide Manifestationen der Moderne und veränderten massiv die Wahrnehmungen von Raum und Zeit. Die Konfrontation von neuen digitalen Verfahren und alten Technologien im Ausstellungsraum erweitert diese historischen Zusammenhänge. Historische Zusammenhänge, in die auch der Kunstvereinsraum selber eingebunden ist. Der alte Wartesaal 1. und 2. Klasse im Harburger Bahnhof erzählt von einer kolonialen Welt- und Handelsordnung, deren Zentrum Europa bildete. Heute verlagert sich dieses Zentrum nach China. Die chinesische „Belt and Road Initiative“, die interkontinentale Handelsnetze und Absatzmärkte aufbaut und mit der sich Kolling in den letzten zwei Jahren beschäftigt hat, ist Teil dieser Neuordnung, die wieder auf Kosten vieler anderer erfolgt.

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