Ausstellungen
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Michaela Melián: Chant du Nix

10. Oktober — 8. November 2020

Michaela Melián (*1956, lebt in Hamburg und München) verbindet in ihren Arbeiten Bildende Kunst, Musik und Popkultur und produziert neben den klassischen Ausstellungsräumen auch für den Radioraum als öffentlichen Raum. "Chant du Nix“ ist eine konzertante Rauminstallation für ein Lautsprecherpublikum. 

Über präparierte Druckkammerlautsprecher, die im öffentlichen Raum (z.B. auch auf dem Bahnhof) üblicherweise für Durchsagen installiert sind, wandern die Klänge und Stimmen ihrer Tonspuren durch den (Kunstvereins-)Raum und setzen ihn und das Lautsprecherpublikum in Bewegung. Die Anfänge des Radios in der Weimarer Republik und die mit ihnen einhergehende Trennung in ernste und Unterhaltungsmusik, die Entwicklung unterschiedlicher Erkennungsmelodien auf der Grundlage bekannter Ursprungsmelodien sowie die begleitenden - und noch immer aktuellen - Mediendebatten bilden die Basis für den installativen Hör- und Diskursraum den Melián in „Chant du Nix“ entwickelt.
Die Projektion einer Muschelzeichnung tastet den konkreten Raum des Wartesaals ab und verspricht gleichzeitig das Hören der Welt, die sinnliche Erfahrung von etwas, das visuell nicht wahrnehmbar ist. Immer wieder verweist eine Stimme im Verlauf der ca. einstündigen Tonspur auf diesen verheißungsvollen Hörraum der entsteht, hält man sich eine Muschel ans Ohr.

Der Bahnhof verbindet sich mit dieser Erzählung. Er ist ein öffentlicher Raum mit einem vielfältigen, nicht notwendig gerichteten Publikum, und verspricht Kontakt zur Welt. Sein Rhythmus und seine Strukturierung lassen wie das Radio, beides eigentlich vergleichsweise alte aber nach wie vor bedeutsame Techniken, noch immer die Maschinisierung und die damit einhergehende Veränderung von öffentlichem Raum erfahrbar werden. Sie markieren die Entkörperlichung von Stimme und Hören ebenso wie das Transponieren von einem Kontext in einen anderen. Das „körperlose Summen“, das gleichfalls Teil der Tonspur ist, bleibt dabei nicht körperlos, sondern formiert einen anderen Körper, der sich geprägt von (Schall-) Wellen, Bewegung und anonymer Kollektivität bildet.
Wie soll Radio mit diesem Raum und dem adressierten Körper umgehen? Bilden? Unterhalten? Welche Wirkungsmacht formiert sich in diesem öffentlichen Raum, an dem alle teilhaben können? Diese Fragen stellten sich die Protagonist*innen einer intensiv geführten Mediendebatte vor rund hundert Jahren und sie stellen sich uns heute noch genauso.

„Chant du Nix“ verbindet unterschiedliche Raum- und Zeitebenen zu einem technisierten und gleichermaßen sinnlichen Gefüge. In den Performances mit Elen Harutyunyan (Viola), Ruth May (Violine) und Michaela Melián erweitert sich die kombinatorische Wellenbewegung der konzertanten Rauminstallation noch einmal. Die Konzerterfahrung und die Lautsprechererfahrung, die Ursprungsmelodien und deren vereinfachte Adaptionen in den Erkennungsmelodien des Radios verändern, aktualisieren und formieren ein kollektives, kulturelles Gedächtnis.

Eröffnung: 
Freitag, 9. Oktober / 19 Uhr

Performances:
Freitag, 6. November / 19 Uhr
Sonntag, 8. November / 17 Uhr