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KAI SCHIEMENZ
o.T. (Wolke 2)

Edition #2 — KAI SCHIEMENZ

 »Und wenn auch Hoffnung den Horizont nur übersteigt,  während erst Erkenntnis des Realen mittels der Praxis ihn  auf solide Weise verschiebt, so ist es doch sie wieder allein,  welche das anfeuernde und tröstende Weltverständnis, zu dem sie leitet, zugleich als das solideste und tendenzhaftkonkreteste gewinnen läßt.« 
(Ernst Bloch, das Prinzip Hoffnung)

Ich wusste garnicht, dass Kai Schiemenz so gut aquarellieren kann: Wirbel aus grossen digitalen tuscheverläufen bilden eine hineinziehende dynamik aus sich aus dem Hellen verdunkelnden und in der Fläche überwiegenden Graublautönen. Schmale Streifen aus kontrastierenden Rottönen bilden in der bedrohend assoziierten Kraft der Strudel eine Allegorie aus Aggression und Ruhe, die in der Komposition eine gewisse ordnung erzeugen. Eine Wolkenlandschaft mit Sonnenaufgang könnte man kurz meinen, aber dafür ist die Farblichkeit und Komposition zu surreal stilisiert. ist doch der Sonnenaufgang, der eigentlich das im Bild gewordene »in Ruhe im Aufbruch sein« assoziert, hier ein Sturmgewitter aus aufeinander prallenden naturelementen.

Ich sehe in diesem Bild, das dem Künstler nach, eine »anthropologische Stimmungslage« beschreibt, einen öffentlich allgemein zitierten Fatalismus, dem ohne jede Repräsentation ein »hoffen dürfen« innewohnt. der Wunsch in etwas und nach etwas, das wir nicht kennen und aus etwas entstanden, das wir genauso wenig kennen: »Was war es, was wir wissen wollten? ... Was war es, was  wir erhoffen durften? ... Welches war die Welt die wir zu haben können glaubten?«  (Hans Blumenberg, in “Die Lesbarkeit der Welt”) 

Schiemenz fordert uns auf, aus der Vergangenheit heraus einen Blick auf die Zukunft zu werfen. Ein »dystopisches Verwackeln der Gegenwart« nennt er es. Wir sind es, die mit der Betrachtung der dinge unsere Wirklichkeit formen. Ein organisches Verhältnis zu unserer Umwelt, das ohne jede Esoterik auskommt, weil es keine Heilsversprechungen kennt. ob wir dieser Bildcollage eher eine endzeitliche Bedeutung geben oder eine dem Prinzip Hoffnung folgende, hängt allein von dem uns subjektiv empfunden Handlungsspielraum ab.

TIM VOSS