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Bahnhofstexte
Paula Hildebrandt:
Das Treffen in Harburg

Dienstag, 11. September 2018

Das Treffen in Harburg 

Morgen wird sein, was gestern gewesen ist. Unsere Geschichten von heute haben sich irgendwo dazwischen zugetragen. Aber man weiß es nicht so genau. Die wirklich wichtigen Geschichten bleiben oft verborgen und werden überhört. Diese hier fing an mit einem Anruf, wie viele andere Geschichten auch. Angerufen hatte der Kunstverein Harburger Bahnhof. Sie wären auf der Suche nach „Perspektiven, wie wir unsere konkrete Lebenswelt gestalten, wie wir wohnen, uns translokal bewegen, uns sozial organisieren.“ So entstand die Idee zu einem Text über ein Treffen in Harburg, das doch von ganz Deutschland handeln sollte. Überdies, so stand es zwischen den Zeilen der Einladung, eigne sich dieser Stadtteil von Hamburg für Zukunftsgespräche, denn was wenige in Deutschland und Europa ahnten und nur wenige wussten: In Harburg wohnen die Schlauen, kein Scheiß. So haben sich in dem Gebäude des ehemaligen Postamt 90 über 300 Neubürger aus Afrika und dem Nahen Osten niedergelassen.

Der Ort des Treffens war gut gewählt. Der Harburger Bahnhof ist ein zentraler Umsteigeknoten und landesweit gut zu erreichen: mit dem IC direkt aus Hannover, Frankfurt, Mainz und Cuxhaven oder alle fünf Minuten mit der S-Bahnvom Hamburger Hauptbahnhof. Nur wer mit dem Auto anreiste, musste wegen der – voraussichtlich bis Oktober dauernden – Sperrung der Autobahnausfahrt Wilstorf und dementsprechend Stau auf der Ausweichstrecke über die Marmstorfer Poststraße und den Sinstorfer Weg Extrafahrzeit einplanen.

Keine wollte fernbleiben. Selbst die, die zu der Erkenntnis gelangt waren, dass Gruppen selten funktionierten und diese mieden, wie Deborah und Herta, oder tatsächlich öffentlich widersprochen hatten, wie Thea und Monika, wollten einander treffen. Größer noch als die Angst vor den anderen, war die Neugier auf ein persönliches Kennenlernen. Ihre vertrauten Zirkel wollten sie für zwei Tage verlassen und miteinander sprechen, on location, face to face, in real time. Nur Jenny hatte sich entschieden, die Autonomie von Sprache und Literatur auf einer anderen Tagung über „Wahrheit, Lüge und Fiktion im postfaktischen Zeitalter“ zu verteidigen; und Fakt sei, dass niemand gleichzeitig an zwei Orten sein kann, zumindest noch nicht. Um es kurz zu sagen, was sie zueinander trieb, war die Erkenntnis der eigenen Ohnmacht und nur vage Vorstellungen von ihrer Aufgabe, nachdem im letzten Jahr mit der „Alternative für Deutschland“ eine rechtsnationalistische Partei in den Bundestag eingezogen war.

Herta und Monika hatten sich im ICE-Bordbistro zwar erkannt, aber einander erst beim Einsteigen in die S3 nach Stade angesprochen. Das TREFF-CAFÉ des Bahnhofsbäckers hatten sie nach einem kurzen Irrweg durch den Bahnhof vom DB Imbiss im Untergeschoss über die falsche Rampe zum Neuländer Platz schnell gefunden: über die richtige Rampe Richtung Phönix-Center dann links am Ausgang Hannoversche Str.-Süd die Treppe hoch über den Bahnhofsplatz zurück zum Bahnhof in die Empfangshalle. Nachdem sie zunächst abgesagt und dann doch zugesagt hatte, war Deborah zu früh da und wartete vor der kleinen Buchhandlung mit Kiosk. Aus der Angebotskiste mit ‚Taschenbüchern je 3,99 € solange der Vorrat reicht‘ – was die Deutschen nicht lesen wollten, während andere weiter schreiben – kaufte sie die letzten drei Restexemplare ‚Was Hillary Clinton wirklich denkt (In ihren eigenen Worten)’. Dass deine Gedanken und Worte in einer solchen Kiste enden, das hätte niemand verdient, auch Hillary nicht. Thea hatte eine Email geschrieben und angekündigt, dass sie ein wenig später komme, aber auf jeden Fall und sehr sehr gerne. Ob sie alle die Petition ‚Solidarität statt Heimat‘ unterschrieben hätten? Rassismus in Deutschland, Deutschland als Heimat und Sprache als Heimat all dessen, was sich deutsch zu nennen lohne – darum gehe es doch bei ihrem Treffen, nicht wahr? Und Herta, Monika, Deborah? Mely war ja schon dabei, kam pünktlich und glücklich. Google hatte beim Eintippen des Wortes ‚Harburg‘ nämlich sofort ‚… beste Döner‘ ergänzt und da der zuoberst vorgeschlagene Kebabsalon und die Döner Queen Sarıoğlu (dreieinhalb Sterne) zu weit vom Bahnhof entfernt lagen, der Mann vom Döner Center in der Bahnhofspassage die Döner Gerichte – Döner Tüte, Vegetarisches Döner, Dürüm Döner, in Fladenbrot oder Jumbo – so lieblos runtergebetet habe, entschied sich Mely gegen den Empfehlungsalgorithmus und für einen Eisbecher ‚Spaghetti Yogurette‘ mit Erdbeersoße und Raspelschokolade.

Hallo, guten Tag. Sie sind dran, jalla! Ja, sorry, alle unsere Produkte sind aus Weizen, Roggen, Gerste, Hafer oder Dinkel, also mit Gluten, aber laktosefrei. Ein Bagel, tamam. Wollen Sie einen mit einer Olive, Zitrone oder Cocktailtomate in der Mitte, zahlen Sie bar oder mit Karte? Beim Warten auf den Willkommenskaffee fragten sie sich, wer eigentlich diese Millionen und Milliarden Brötchen und Brote schmiere; morgens halb vier in Deutschland.

Nachdem sich die fünf Frauen vollzählig an einem Tisch eingefunden hatten, vereinbarten sie das Prinzip Ausreden-lassen bzw. die Stop-Regel. Erlaubt und erwünscht waren Unterbrechungen im Sinne von: Stop! Bitte erkläre! Unverständliches, Ungenaues, zu Allgemeines oder zu Spezielles sei generell zu vermeiden. Auf dass sich zwischen ihnen, im Gespräch, irgendetwas findet, dessen Inhalt in etwas Vernünftig klingendem und nicht komplettem Irrsinn erschöpfte. Da guckte ein Mann mit Buschhut und Fernglas durch das gekippte Fenster. Ob sie einen Falter gesehen hätten, so ungefähr 30 Millimeter groß mit glänzend- bis braungrau gefärbten Vorderflügeln. Er sei auf der Suche nach Eichen-Prozessionsspinnern bzw. deren Raupen. Ganz sicher nein? Weil die Brennhaare seien allergieauslösend und die müsse er absaugen bevor der Regen käme. Zudem wanderten immer mehr von diesen Faltern nach Norden, wie in einer Prozession, daher der Name. Nach seiner Auffassung sei der Klimawandel eine Gewissheit und das Wetter unvorhersehbar. Daraufhin checkten drei der fünf Frauen mit Smartphone ihre Wetter-App, während Monika ihr mitgebrachtes Pausenbrot auswickelte und Herta heimlich die rote Gerbera im Sandquadrat auf den Nebentisch stellte. Dem Mann am Nebentisch erklärte sie, dass sie sich bedroht fühlte von all diesen Applikationen, Petitionen, Tischdekorationen, blau gefärbten oder in Zeiten der Fußballweltmeisterschaft schwarz-rot-gold angesprühten Rosen, geradezu umzingelt. Alles Kitsch! Und Kitsch sei ja bekanntlich gefährlich, weil der damit verbundene Glitzer direkt in die Banalität, den Etikettenschwindel, das Nichtdenken, also Verlogenheit führe. Daraufhin nahm der Mann seine In-Ear-Kopfhörer aus den Ohren, grüßte freundlich Richtung Fenster und erklärte, dass er sein Franzbrötchen immer mit Messer und Gabel esse. Stop! rief Deborah mehrmals. Stop! Bevor dieser Irrsinn weitergeht und wir mit Inhalten anfangen, wie wäre es mit einem praktischen Experiment? Sie hatte einen Zweig mitgebracht, den sie einmal in der Mitte zerbrach. Dann durfte jede einen eigenen Zweig entzweibrechen. Das ging ganz einfach. Dann sammelte Deborah die zerbrochenen Zweige wieder ein und band sie zu einem Bündel. Und dieses Zweigbündel ließ sich gar nicht mehr einfach entzweibrechen. Einheit und Vielfalt – dieses Thema wäre mit diesem Experiment ganz trefflich illustriert, darin stimmten sie alle überein. Und noch in einem anderen Punkt waren sie sich einig: Das Gespräch solle vertraulich bleiben. Die wirklich wichtigen Geschichten blieben, wie man ja wisse, meist verborgen oder werden überhört.

 Literatur:

(1)        Günther Grass: Das Treffen in Telgte (1979)

(2)        Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen (2015)

(3)        Herta Müller: Reisen auf einem Bein (1989)

(4)        Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf (2018)

(5)        Deborah Feldman: Überbitten (2017)

(6)        Thea Dorn: Deutsch, nicht dumpf (2018)

(7)        Mely Kiyak: http://kolumne.gorki.de