Materialien
1%20Alex%20Martinis%20Roe,%20Our%20Future%20Network,%20film%20still%20of%20the%20proposition%20%22Productive%20Refusals,%22%20developed%20with%20Helena%20Reckitt,%202016.jpg

SOME SHAPES OF THINGS TO COME IN CHAPTERS #2

Dienstag, 5. Juni 2018

Die Utopie von morgen?

Kindern tischen wir mit schöner Regelmäßigkeit alle möglichen grausamen Lügen auf, aber besonders bezeichnend ist vielleicht diese: Wenn du jemandem verrätst, was du dir wünschst, wird dein Wunsch nicht wahr. Ob sie nun am Geburtstag die Kerzen ausblasen oder eine Sternschnuppe am Himmel sehen: Sie dürfen ihre Wünsche nicht laut aussprechen, sonst erlöschen sie wie die Kerzen auf dem Kuchen. Wahrscheinlich haben dieses Märchen einst Eltern erdacht, die ihren Kindern nicht hätten schenken können, was sie sich wünschten, doch uns verfolgt dieser Spruch auch noch als Erwachsene, nur, dass er dann von Politikern kommt. Erzählt niemandem, was ihr euch für eine Welt wünscht, sonst erwartet euch bestenfalls eine Enttäuschung, schlimmstenfalls landet ihr im Gefängnis.

»Wir wollen mehr.« Vor nicht allzu langer Zeit schleppte ich mich, erschöpft von den neuesten Nachrichten, zu einer Buchausstellung, wo ich auf eine neue Sammlung mit Utopien radikaler Schriftstellerinnen stieß. Die drei Worte standen in der ersten Zeile und raubten mir glatt den Atem. Wenn schon das nackte Überleben ein schier aussichtsloses Unterfangen zu sein scheint, eingezwängt, wie wir sind, zwischen Superreichen und steigendem Meeresspiegel, wirkt Hoffnung wie unerschwinglicher Luxus. Ich glaube, ich sagte wortwörtlich zu dem Buchhändler: »Sagen Sie kein Wort, nehmen Sie einfach mein Geld.«

Utopische Ideen sind heute notwendiger denn je, weil uns der Entwurf einer besseren Welt vielleicht nie unerreichbarer erschien. Die Staatschefs der Welt versammelten sich, um festzulegen, wie viele Städte versinken werden, ehe etwas für die Senkung der Kohlendioxid-Emissionen unternommen wird. Die Konferenz fand in Paris statt, wo kurz zuvor ein neuer Akt des unbeliebtesten Fortsetzungsdramas der Welt begonnen hatte: »Krieg im Nahen Osten«. Die Welt dürfte auf eine weitere Wirtschaftskrise zusteuern. Roboter sind augenscheinlich im Begriff, die wenigen Jobs wegzurationalisieren, die nicht schon unter Wasser liegen. Wir scheinen in einer dystopischen Trilogie zu leben, die von einem sadistischen jungen Erwachsenen verfasst wurde, und ich kann nur hoffen, dass unsere tapferen jungen Heldinnen bald aufkreuzen, uns zu retten, meinetwegen mit einer komplizierten Dreiecksbeziehung im Schlepptau.

Dass dystopische Literatur so verbreitet ist, lässt sich erklären. Dystopien sprechen Leser*innen unmittelbar an und sind leicht zu konstruieren; frei nach Romanautorin Kim Stanley Robinson: Man picke willkürlich fünf Schlagzeilen aus den Nachrichten heraus, stelle sie zu einer Collage zusammen, und schon ist die Handlung fertig. Utopien sind da schon komplizierter. Für eine Utopie müssen wir die schwierige, aber notwendige Aufgabe bewältigen, uns eine bessere Welt auszudenken. Deshalb ist die Phantasie die erste und beste Waffe aller Radikalen und Progressiven.

Utopische Geschichten gab es schon lange, bevor Thomas Morus im 16. Jahrhundert seinen Roman Utopia über eine ideale Gesellschaft verfasste. Das Griechische utopia heißt »Nicht-Ort«. Oft wird Platons Politeia (Der Staat) als erste Utopie genannt, doch es gibt so viele Utopien, wie es Gemeinwesen gibt, deren Mitglieder von einem besseren Leben träumten. Nicht zufällig ist das frühe 21. Jahrhundert ein großartiges Zeitalter der dystopischen Literatur. Die Ideologie des spätkapitalistischen Patriarchats ist mittlerweile so allumfassend, dass sie nicht mehr als Ideologie empfunden wird: »Es ist leichter«, so Fredric Jameson, »sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus« – und zwar nicht etwa, weil der Kapitalismus der Menschheit unentrinnbares Schicksal wäre, sondern weil uns ein Leben lang erzählt wurde, wir machten uns lächerlich, wenn wir uns eine andere Zukunft auch nur gedanklich ausmalten.

Nur weil sich Dystopien einfacher entwickeln lassen, sind sie noch lange nicht nutzlos. Es ist durchaus vernünftig, Unterdrückung aufzuzeigen. Abweichler werden gern mit dem Hinweis mundtot gemacht, es reiche nicht aus, gegen etwas zu sein – man müsse sich schon auch entscheiden, wofür man sei. Von der Antikriegsbewegung über Occupy Wallstreet bis hin zur runderneuerten Labour Party Jeremy Corbyns können alle Linken ein Lied davon singen: Sobald wir auf Fehlentwicklungen in der Politik hinweisen, müssen wir auch eine Alternative aufzeigen. Das ist unlogisch. Wer von einer Schlägerbande vermöbelt wird, darf sie auffordern, damit aufzuhören, ohne gleichzeitig Vorschläge zu machen, wo sie sonst noch hinhauen könnten. »Bitte nicht ins Gesicht« reicht völlig aus. Es fällt schwer, sich eine bessere Welt klar und deutlich vor Augen zu halten, während man seine Weichteile vor Springerstiefeln zu schützen versucht. Schwer heißt aber nicht unmöglich.

Die meisten Linken haben durchaus eine Vorstellung davon, was für eine Welt ihnen lieber wäre. Viele von uns haben sogar gleich mehrere Vorstellungen. Wir reden nur nicht allzu gern darüber, und zwar aus dem einfachen Grund, dass wir fürchten, ausgelacht zu werden. Wenn wir sagen, wir würden gern in einer Welt leben, in der nicht die Hälfte des Reichtums in den Händen von weniger als hundert Menschen konzentriert wäre, ernten wir regelmäßig Hohn und Spott – obwohl lachhaft doch wirklich nur die Behauptung ist, unser derzeitiges Wirtschaftssystem wäre nachhaltig.

Wenn wir heute nicht sagen, was wir wollen, dann aus demselben Grund, aus dem man uns als Kindern davon abriet, unsere Wünsche auszusprechen. Es wäre peinlich und unangenehm, wenn wir es später nicht bekämen. Da die Zukunft dermaßen düster aussieht, würden wir uns doch geradezu selbst eine Falle stellen, wenn wir auf Besserung hofften.

Aber Utopie ist eben – sogar dem Wortsinn nach – »ein Nicht-Ort«. Die Reise ist wichtiger als das Ziel, doch ohne das Ziel im Kopf zu haben, findet keine Reise statt.

Wenn ich an Utopia denke, denke ich an meine Großmutter. Die Mutter meiner Mutter ging mit dreizehn von der Schule ab, erlebte die Malta-Blockade, musste aus religiösen und anderen Gründen jung heiraten, sämtliche Träume von Ausbildung und Abenteuer begraben und ihr Leben damit verbringen, sich um Ehemann und sechs Kinder zu kümmern. Ein halbes Jahrhundert später kann ich frei entscheiden, wann und ob ich Kinder bekommen will. Ich kann mich dagegen entscheiden, mich von einem Mann abhängig zu machen. Ich kann jederzeit allein reisen und erlebe auf der Suche nach einer geeigneten Arbeit keine rechtlichen Einschränkungen.

Die Unabhängigkeit, die viele Frauen meines Alters genießen, wäre vor einem halben Jahrhundert unvorstellbar gewesen – aber jemand hat sie sich vorgestellt, und deshalb sind wir so weit gekommen. Viele einzelne Jemande haben sich über Jahrhunderte des Kampfes und des technischen Fortschritts überlegt, wie sich die Welt für Frauen verändern könnte, und auf die Umsetzung dieser Ziele hingearbeitet.

Vor genau einem Jahrhundert zeichnete Charlotte Perkins Gilman in ihrem Roman Herland eine Gesellschaft, in der die Produktion gemeinschaftlich organisiert ist, Mutterschaft hohes Ansehen genießt, Beziehungen auf Gleichheit gründen und sexuelle und andere Gewalt unbekannt sind.

Bei der Lektüre von Herland fällt heute auf, dass auf jeden Punkt, der bisher umgesetzt wurde – Frauen dürfen sich heute von ihrem Mann scheiden lassen und vollständig am politischen Leben teilhaben –, zwei Punkte kommen, die heute so abwegig erscheinen wie 1915: Die Kindererziehung wird nach wie vor nicht als Arbeit eingestuft, und Frauen leben immer noch mit der ständigen Gefahr sexueller Gewalt. Aber das kann sich alles ändern, wenn wir weiterhin mehr einfordern.

Wer immer noch nicht daran glaubt, dass eine bessere Welt möglich ist, wenn wir sie uns zu erträumen wagen, sollte sich einmal die jüngere Geschichte der Frauenemanzipation ansehen. Nach

meinem Verständnis bin ich es den Frauen vor mir nicht nur schuldig, so frei wie irgend möglich zu leben und die Freiheiten, die ich genieße, für Frauen aller Schichten und jeglicher Herkunft einzufordern, sondern in meinen Forderungen noch weit darüber hinauszugehen.

Seit ich Feministin bin, werde ich immer wieder gefragt – meist von murrenden Männern –, wann ich denn endlich zufrieden sei; wann Frauen und Mädchen endlich finden, dass es nun reicht. Die Antwort ist in der Frage schon enthalten, denn in dem Moment, in dem wir uns damit arrangieren, dass es keine bessere Welt als diese geben kann, in diesem Moment verschließt sich die Zukunft, und jede Veränderung wird unmöglich.

Utopia ist die Suche nach Utopia. Im Lichtschein dieses Nicht-Ortes bahnen wir uns einen Weg durch eine schroffe und unwirtliche Gegenwart. Wenn wir am Horizont angelangt sind, ist das nicht mehr der Horizont, doch deshalb bleiben wir dort noch lange nicht stehen.

Im Moment wirkt die Zukunft düster und beängstigend, und deshalb müssen wir uns gerade jetzt andere Welten ausmalen und Wege abstecken, über die wir dort hinkommen. In einer Vielzahl globaler Krisen ist die einzig lächerliche Behauptung, dass alles genauso bleiben werde, wie es ist.

Die menschlichen Gesellschaften werden sich bis zur Unkenntlichkeit verändern, und von den Konferenztischen bis auf die Straße überstehen wir diese Veränderungen am besten, wenn wir den Mut haben, unmögliche Forderungen zu stellen – dem albernen Spott entgegenzutreten und zu sagen: »Wir wollen mehr.«