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SUY LAN HOPMANN & JOKE JANSSEN
Kollektive_ G3N13s

Dienstag, 10. Oktober 2017

[Kollektiv erklären wir das Genie für gestorben.]

[Das Genie ist ein schwer verdauliches Konglomerat, das seine auf Ausschluss gezüchteten Zutaten unter einer Schicht attraktiver Nähe zum Wahn (nicht aber zur Hysterie!) versteckt.]
[Der Wahn des Genies ist ein elitärer, seine Bedingungen sind nicht für alle gemacht.]
[Das Genie ist das Subjekt des Old Boys Network.]
[Das OBN ist KEIN Kollektiv.]

[Das Kollektiv ist eine radikale Antwort auf eine Gesellschaft, in der die Einzelne nicht gesehen wird oder gesehen werden kann.]
[Das Kollektiv ist oftmals die letzte Rettung derjenigen, die keinen Platz haben, nichts besitzen und derjenigen ohne Reputation.]

[Das Kollektiv als nicht-individuelle Bezugsform kann Dynamiken der Benachteiligung verunsichtbaren.]

 

[Das Kollektiv muss widersprüchlich verstanden werden.]
[Das Kollektiv muss dem Erfolg des Kollektiven zweifelnd begegnen.]
[Das Revolutionäre des Kollektivs produziert eine Depression in seinem Erfolg.]

[Kollektiv müssen wir darüber nachdenken, welche Arbeitsformen wir stärken wollen und auf welche wir in Zukunft verzichten können.]
[Kollektiv müssen wir darüber nachdenken, welche Beziehungen und Nicht-Beziehungen unser Handeln im Kollektiv verdeckt.]
[Kollektiv müssen wir darüber nachdenken, ob, wie und warum unsere Arbeitsformen unsere Prekarität verstärken.]
[Kollektiv müssen wir darüber nachdenken, welche Form der Autor_innenschaft uns liegt.]
[Wir sehen kritisch, dass wir uns in einem System der Autor_innenschaft befinden, in dem Formen kollektiven und open access Arbeitens das Problem fehlender Entlohnung mit sich bringen.]
[Kollektiv müssen wir darüber nachdenken, wie wir uns unsere Arbeit leisten können.]

 

DAS GENIALE?

Tod und Erbe des Genies

[Kollektiv erklären wir das Genie für gestorben.]

Das Genie ist eine europäische Figur. Es braucht bestimmte kultur- und geistesgeschichtliche Voraussetzungen und ist nur unter diesen nachvollziehbar.
Das Genie ist eine religiöse Figur. In sich vereint es geistige und ethische Werte mit kultischen Bestandteilen. Das Genie besitzt Schöpferkraft.

Frauen (und andere) haben unter den Rängen der Genies nichts zu suchen (dazu einfach den Wikipedia-Artikel zum Genie nach weiblichen, oder auch außereuropäischen, Namen durchsuchen).

Der nächste Bezug zum Genie, der sich Frauen öffnet, ist der der Muse.

Das Genie ist männlich. Hier gibt es nur wenig Interpretationsspielraum. Künstlerinnen, so es sie denn geben durfte – am frühen Bauhaus wurde ihnen beispielsweise regelmäßig eine Betätigung im Kunsthandwerk nahegelegt – wurden als intersexuell verstanden, Talent sei ein biologischer Sachverhalt, der sich aus einer männlichen oder vermännlichten Disposition ergebe.

Feminist_innen haben die Frage des Genies als ausschließende und sich selbst erhöhende Geschichtsschreibung aufgezeigt:

„So stoßen wir hinter der Frage der Frau als Künstlerin auf den Mythos des Großen Künstlers (Gegenstand zahlloser Monographien, einzigartig, gottgleich), der von Geburt an eine geheimnisvolle Essenz in sich trägt (dem Brühwürfel in einer Tütensuppe vergleichbar), Genie oder Talent geheißen, das, wie ein Mord, unter allen Umständen ans Licht kommen muß.”[1]

[Unsere Vorgänger_innen haben dem Genie den Boden unter den Füßen weggezogen.
Unter diesen Umständen erklären wir das Genie für gestorben. Und sein Erbe soll nicht unseres sein. Seine Voraussetzungen muten uns zu viel zu und sprechen von einer Geistesgeschichte, die wir zwar teilen müssen, aber nicht fortführen wollen.]

di_er G3N13:

Wir haben allerdings darüber nachgedacht, uns das Genie anzueignen. Di_er prothetische G3N13 sollte unser Tool sein, die Instrumentalisierung einer verdrehten Geschichte. Wir verbinden unsere Synapsen mit den Anderen der_s G3N13s und zapfen s_ihre reichhaltigen Quellen des Erfolges und die Vielfältigkeit s_ihrer Strategien an: s_ihre Bezüglichkeit, s_ihr Grenzgängertum, s_ihre Sprunghaftigkeit.[2]

G3N13s können nicht für sich allein wirken, sie brauchen andere, die ihr Denken aufnehmen, Julia Kristeva lässt unser_e G3N13s sich vervielfältigen. Damit erreichen wir mit Kristeva das Gegenteil eines göttlichen Genies, welches sich in seiner Wortgeschichte aalt. Die_r G3N13 braucht die Anderen und muss in Gemeinschaft wirken.[3]
G3N13s arbeiten grenzüberschreitend und lassen sich nicht eindeutig – beispielsweise in Fachgebiete – einordnen.[4]
Bei der Frage nach den Zusammenhängen zwischen Männlichkeit, Göttlichkeit und Kunst sitzt di_er G3N13 lieber zwischen den Zeilen.
Wir brauchen Netzwerke unterschiedlichen Wissens. Wir vertrauen auf das Nichtwissen der Einzelnen und auf das Wissen der Vielen.

Im Gemeinsamen kann di_er G3N13 s_ihrer prothetischen Aufgabe nachkommen und Handlungen anstiften.

G3N13s widerstehen dem linearen Denken.[5]

„Wir müssen uns dem Denken der Spur annähern, einem Denken ohne System, das weder beherrschend, noch systematisch, noch bezwingend ist, sondern stattdessen vielleicht ein nicht-systematisches, intuitives, brüchiges, ambivalentes Denken, das der außerordentlichen Komplexität und der außerordentlichen Vielfältigkeit der Welt, in der wir leben, am besten gerecht wird.”[6]

[Di_er G3N13 verabschiedet sich von der Dichotomie der Einsen und Nullen und will mehr.]

 

DAS KOLLEKTIVE

Die Masse

Statistisch bezeichnet das Kollektiv eine Grundgesamtheit. Sie ist die Menge aller Merkmalsträger_innen und der Informationen aller Einheiten.

Darüber hinaus unterscheidet sich das Kollektiv entlang von zeitlichen Dimensionen. So wird zwischen dem Kollektiv als Bestandsmasse und dem Kollektiv als Bewegungsmasse unterschieden. Die Bewegungsmasse transportiert die Informationen innerhalb eines bestimmten oder auch unbestimmten Zeitraumes.

Die Bestandsmasse verweilt an einem Punkt der Zeit als Momentaufnahme vorangegangener Bewegungen. Sie ist die Fotografie zum Zeitpunkt des Auslösens, des Blitzes. Ein Davor oder Danach scheint es nicht zu geben. Wie die Fotografie ist die Bestandsmasse eine Stillstellung dessen, was in Bewegung ist, in ihr stockt die Zeit[7]. Und wie bei der Fotografie kommt es auch beim Kollektiv als Menge auf die Art der Betrachtung an.

[Das Kollektiv trägt keine Wahrheit in sich.]

Wir fassen zusammen und schreiben weiter: Das Kollektiv ist die Summe seiner Merkmale und Informationen. Seine Masse ist charakteristisch. Es ist nicht das Einzelne, sondern das Viele. In seiner Vielheit entfaltet es Masse. Die Zeit verändert und gestaltet die Masse, ebenso wie die Masse die Zeit.

Die Masse zeigt sich in praktischer Endlichkeit und theoretischer Unendlichkeit. Theoretisch können wir alle und alles sein, doch die Realität begrenzt das Kollektiv und das Kollektive. Das Kollektive ist in der Realität geschlossen. Es hat ein Innen und ein Außen.

Die Masse entfaltet Kraft durch Bewegung. Die Bewegung kann diffus sein, sie kann aber auch zielgerichtet sein. Hat sie ein Ziel oder ein Gemeinsames, so walzt sie voran. Hat sie keines, breitet sie sich aus und wirkt in ihrer Richtungslosigkeit, sucht sich Ritzen, Spalten, schiebt sich dazwischen und darüber.

Die Vielheit

Das Kollektive erklingt uns als Poetik der Vielheit.[8]

„Eine Vielheit hat weder Subjekt noch Objekt; sie wird ausschließlich durch Determinierungen, Größen und Dimensionen definiert, die nicht wachsen, ohne dass sie sich dabei gleichzeitig verändern (die Kombinationsgesetze wachsen also mit der Vielheit).”[9]

Als Vielheit können wir mehr wahrnehmen und die Grenzen des Individuums überschreiten.
Wir versuchen im Kollektiven eine Vielheit aus Einzelnen zu sehen. Ein Gemeinsames verschiedener und verschieden handelnder Subjekte, die nicht alle an einem Strang ziehen.

„A motely crew of queer co-workers – social amoebas, neuronal receptor cells in stingrays, lightning, a phantom species of dinoflagellates, academics (a strange companion species), and atoms among them […].”[10]

Die Vielheit als Schwarmintelligenz folgt ihren eigenen Logiken. Sie vermag es, eine Richtung aufzunehmen, ohne als steuerndes Subjekt in Erscheinung zu treten. Sie vermag Wissen zu produzieren, welches gesellschaftliche Codes umgeht, neu zusammensetzt oder sogar sprengt. Damit ist die kollektive Intelligenz der Masse nicht inhärent, sondern produziert sich über ihre einzelnen Teile hinaus. Sie ist schwärmender und schwärmerischer Prozess der sich ständig im Wandel befindlichen Verbindungen untereinander, Anziehungen, Abstoßungen und Vermischungen.

Das Gemeinsame

Das Gemeinsame verändert die Vielheit und erzeugt das neue Kollektiv. Das Gemeinsame ist nicht das Gleiche. Das Gleiche richtet sich häufig gegen das Emanzipatorische und Unterstützende. Das Gleiche geht häufig von der Gleichheit nur einiger aus. Das Gleiche besitzt eine verführerische und problematische Nähe zu Politiken der Identität.

Das Gemeinsame betont die Schnittstellen der Interessen, Ziele, Arbeitsprozesse und –weisen der Einzelnen und s_ihrer Subgruppen. Wir sehen das Gemeinsame nicht als Subjekt, welches neu und doch althergebracht den Logiken des Individuums folgt und als kollektiver Akteur in Erscheinung tritt. Das Gemeinsame ist ein Prozess des gegenseitigen Beeindruckens, Formens, Entwickelns, Veränderns, welches alle Beteiligten und ihre Beziehungen und Relationen untereinander permanent neu gestaltet.

[Das Kollektiv muss fragen: Welche Formen des Gemeinsamen gibt es?]

[Das Kollektiv muss sich selbst befragen. Wie sieht das eigene Gemeinsame aus? Wie das gemeinsame Eigene?]

[Innerhalb des Kollektiven sind die Einzelnen angehalten, das Eigene, das eigene Handeln und die vom Eigenen ausgehenden Beziehungen zu reflektieren.]

Wir lassen das Gemeinsame wachsen, sich vervielfältigen und ausfransen. Wir lassen unsere Vorstellungen schweifen: Das Gemeinsame kann für uns im Verteilen von Finanzen liegen, ebenso wie im Verfassen von Texten. Das Gemeinsame gründet auf gemeinsamen Ideen und gerät im Entstehungsprozess unter viele Augen.

Uns interessieren viele Formen des Gemeinsamen, auch die, die auf die blickende Distanz nicht die Form einer Organisation annehmen. Die blickende Distanz ist verführerisch, da sie uns Grenzen vor Augen hält, die der Dinge, die der Anderen. Die blickende Distanz braucht ein Objekt und ein Subjekt, ein Dort und ein Hier. Die blickende Distanz verlässt sich gerne auf Bekanntes. Was wir auf die blickende Distanz nicht wahrnehmen, existiert womöglich nicht.

Um also die blickende Distanz zu überwinden, müssen wir alle unsere Antennen ausfahren und lernen, verschiedene Bezüglichkeiten in verschiedener Materialität und Nichtmaterialität wahrzunehmen.

[Wir sind Bezüglichkeit.]

Die Balance

[Das Kollektiv richtet sich nicht nach den Stärken und Schwächen s_ihrer Teile.]

Stärken und Schwächen – diese Aufteilung gefällt uns nicht. Was wären Stärken, was Schwächen? Welchen Normierungen folgen Definitionen von Stärke und Schwäche?

Das Langsame und das Schnelle – Acceleration, Speed, schneller, höher, weiter. Verlangsamung, Entschleunigung. Slow Food, Degrowth. Innerhalb welcher Ideologien bewegen wir uns hier?

Bedürfnisse. Oder eher Ansprüche eines Ganzen. Ohne eine Pathologisierung von Bedürftigkeit vorzunehmen und diese auf die Subjekte des Ganzen zu verschieben.

Wir greifen zu Makro- wie Mikroskop und untersuchen Zustände und Eigenschaften.
Das Kollektiv steht in Verbindung.

[Wir sind Verbindung.]

Das Kollektiv orientiert sich an den Zuständen und Eigenschaften der Einzelnen.
mag Kälte
mag Wärme
fühlt sich wohl, wenn si_er redet
fühlt sich wohl, wenn si_er schweigt

Zustände und Eigenschaften sind nicht statisch. In Zuständen und Eigenschaften sind wir in Relation zueinander und zu Anderen. In Relation zueinander und zu Anderen sind Zustände und Eigenschaften in Bewegung.

[Das Kollektive begehrt die Bewegung, die sich zwischen den Einzelnen und der Summe aller Beteiligten entwickelt.]
[Das Kollektive spürt den Dynamiken und Bewegungen nach, die sich in und zwischen den Zuständen und Eigenschaften entfachen.]

Es lässt sich von ihnen treiben und leiten.
Es ist das Aggregat der Gleich- und Ungleichheit s_ihrer Einzelteile und der Gleich- und Ungleichzeitigkeit s_ihres Handelns.

Radikale Möglichkeiten

[Das Kollektive wünscht sich, in s_ihrem Handeln die radikale Möglichkeit der Umverteilung zu erkennen.]
[Das Kollektive sieht in s_ihrem Handeln die radikale Möglichkeit Grenzen der Macht zu verschieben.]

Wir blicken von den Rändern auf Umverteilung und Macht. Verschiebt der Akt des Umverteilens bereits die Grenzen der Macht, verändert das allein die Verhältnisse?

Wir fragen: Was wird eigentlich wie verteilt?

Die Idee, der Wunsch, die Sehnsucht nach Umverteilung geht von einem bereits bestehenden Verteilungsmuster aus. Verteilt werden Ressourcen, welche wir als materielle und immaterielle Güter, Dinge, Kräfte, Energien verstehen, oder der Zugang zu ihnen.

Gehen wir davon aus, dass Ressourcen in ihrer Gesamtheit wie ein Kuchen eine unveränderliche essentialistische Größe haben und damit endlich sind, so bedeutet eine Umverteilung, dass ein Stück Kuchen größer oder kleiner wird. Ist der Kuchen immer gleich groß, so wird im Augenblick der Vergrößerung eines Stückes ein anderes automatisch kleiner. Im Akt der Umverteilung findet lediglich eine Veränderung der (Größen-)Verhältnisse statt. Eine Logik des Nehmens und Wegnehmens verändert sich jedoch nicht, weil Aneignung nicht nur eine Enteignung der Privilegierten, sondern auch derer, die noch weniger haben, produziert.

Gehen wir aber davon aus, dass Ressourcen keine essentialistisch-endliche Größe sind, sondern eine unendliche, dann umgehen wir das Problem der größer und kleiner werdenden Anteile. Ein Mehr auf der einen Seite zieht somit nicht mehr unweigerlich ein Weniger auf der anderen nach sich; vorstellbar ist nun tatsächlich ein Mehr für Mehrere, während der Kuchen wächst. Aber eine Verschiebung von Grenzen findet im alleinigen Moment der Zugangserweiterung nicht statt. Das Problem des Zugangs zu bestimmten Ressourcen bleibt. Der Kampf um andere Verhältnisse verschiebt sich zu einem Kampf um das Sichern von Zugängen, zu einem Kampf um Privilegien: um Schlüssel zu Türen. Die Sehnsucht nach Veränderung wird zum Begehren nach immer größer werdenden Schlüsselbünden. Die Struktur der Verhältnisse, die Logik eines Innen und Außen, verändert sich dadurch nicht.

Die Idee, der Wunsch, die Sehnsucht nach Umverteilung geht von einem bereits bestehenden Verteilungsmuster aus. Wir fragen: Ist es uns möglich, uns das Wissen des Musters anzueignen? Ist es uns möglich, seine Struktur zu erkennen, es in seine Linien und Flächen zu zerlegen und diese anders zusammenzusetzen?

Wir versuchen, Ressourcen zu verstehen. Wir versuchen, die Endlichkeit und Unendlichkeit der Ressourcen zu begreifen. Wir verschieben das Bild der Ressourcen und fragen nach ihrer Produktion. Die Ressourcen von denen wir sprechen, sind ein prozessuales Gut, unter dem Einfluss und hergestellt von vielen Akteur_innen, nicht nur menschlichen. Sie werden im Prozess gemeinsam erschaffen und können in und durch die Nutzung nicht nur weniger, sondern auch mehr werden. Genau wie Gefühle im Austausch untereinander vergehen, sich vertiefen und multiplizieren können, so verändern Ressourcen ihren Zustand in dem Moment, in dem wir sie teilen. Ressourcen sind ein fluides Gut, ihre Bewegungen können sich unserem Einfluss entziehen. Unsere Haltung zu ihnen muss eine verantwortungsvolle sein.

Wir fragen: Können wir uns das Wissen aneignen, Ressourcen zu vermehren oder zu vermindern?

Wir fragen nach einem kollektiven Wissen, das unser bisheriges Verständnis von Ressourcenumverteilung und Privilegiennutzung durchdringen und verändern kann.

Denn: Wir verstehen die Umverteilung von Ressourcen und das Sichern von Zugängen lediglich als Pflaster, die die Wunden schützen, aber nicht heilen. Wenn sich die materiellen und immateriellen Distributionsgesetze nicht ändern, dann erkämpft sich das Kollektive einzig den Zutritt zu privilegierten Räumen. Es behandelt ein Symptom und nicht die Ursache: Der Zugang zu Ressourcen bleibt der Schritt durch eine Tür. Privilegien bleiben Vorrechte.

[Auf lange Sicht und mit langem Atem träumen wir von einer Welt, in der es keine Privilegien mehr gibt. Ein gemeinsames Abgeben und Annehmen kann geübt werden.]

Wir wollen weder unser Stück vom Kuchen, noch ein anderes Rezept. Wir wollen ein kollektives Bewusstsein darüber, dass der Kuchen nicht uns gehört. Wir wollen lernen, was es bedeutet, sich Ressourcen zu nehmen, ohne sie wegzunehmen. Wenn wir davon ausgehen, dass Ressourcen und Privilegien Räume sind, zu denen durch Türen und Tore Einlass gewährt wird, so wollen wir keine Umverteilung, sondern offene Räume. Räume als Durchgänge, Treffpunkte; nicht als Zu|Gänge.

Momente des Scheiterns?

Das Widersprüchliche im Kollektiv erscheint uns dort, wo es Mögliches und Unmögliches vereint. In der Solidarität, im Aufstand, in der Revolution, in der Multitude – in der Stärke, die sich in der Masse und der Organisation entfaltet. Der Tod des Kollektivs scheint jedoch im Augenblick s_ihres Erfolges zu lauern. Die Depression im Moment des Sichtbarwerdens ist noch nicht geklärt und bedarf einer Auseinandersetzung.

Wir fragen: Kann das Kollektiv als Kollektiv sichtbar werden? Will es das? Oder liegt in der Logik des Erscheinens, des Wahrgenommen-Werdens, nicht immer die Gefahr der Vereinzelung, der Differenzierung? Wenn wir wahrgenommen werden, wer von uns wird wahrgenommen? Die Mechanismen des Sichtbarwerdens folgen denen, die das Privileg der schnelleren Erkennung tragen. Sie folgen außerdem denjenigen, deren schnellere Erkennung kein Privileg, sondern Logik der Unterdrückung ist.

[Das Kollektiv verheddert sich zwischen Oberfläche und Tiefenwirkung.]

Die Oberfläche folgt den Mustern des Genies und der Logik des individuellen Subjektes. Sie ordnet Ideen, Handlungen, Verantwortlichkeiten einzelnen Subjekten zu. Sprechen und Handeln können nur diejenigen, die sichtbar sind. Zu häufig ist das Kollektive über s_ihr Begehren gestolpert, als andere Wirklichkeit sichtbar zu werden. Die Sehnsucht danach, mitspielen zu können, lässt das Kollektiv häufig die Spielregeln übersehen. Der Wunsch nach der Macht, (anders) handeln, (anders) agieren zu können, hat das Kollektive vergessen lassen, dass es s_ihre eigenen Regeln formulieren kann.

[Strebt das Kollektiv nach einem Platz an der Sonne, so liegt s_ihr Tod in dem Moment, in dem es s_ihren Platz einnimmt. Der Platz an der Sonne ist eine einsame Liege. Das Kollektiv müsste wählen: Wer nimmt den Platz?]

[Das Kollektiv scheitert an s_ihrem Ziel.]

[Kollektiv müssen wir unser Ziel infrage stellen und nach anderen Wegen suchen. Die Straßen der Individualität sind dem Kollektiven unwegsam.]

Aushandlungen

[Das Kollektiv nimmt Kurs auf ein besseres Leben.]

Für das Kollektive kann dieses Leben nur im Gemeinsamen bestehen, das Kollektive braucht eine Struktur der Vielheit, die eine tiefgehende Widersprüchlichkeit tragen kann. Das Kollektive braucht eine Umgebung, die s_ihre Kollektivität nicht nur sehen, sondern wahrnehmen kann, die die Kollektivität in ihrer Vielheit anerkennt. Das Kollektive braucht eine Umgebung, die ihre Vielheit, ihre Tiefe und Widersprüchlichkeit wertschätzen kann.

[wir sind gemeinsam]
[wir sind bezüglich]
[wir sind verbindlich]

Das Kollektiv muss sich beständig fragen, wohin s_ihr Kurs es führt. Wann es den verlockenden, aber in die Irre führenden Winden folgt, die in die Häfen führen, in denen wir eingenetzt und eingerastert werden in das Funktionieren der Schnelleren, Besseren, Einzelnen.

[Das Kollektive und das bessere Leben bleiben eine Situation der Aushandlung.]

 

EPILOG

Von Kreisen und Krisen

„Der Konsistenzplan (Raster) ist das Außen aller Vielheiten. […] Es ist möglich und notwendig, alle diese Vielheiten auf ein und demselben Konsistenz- oder Äußerlichkeitsplan flachzudrücken, welche Dimensionen sie auch immer haben mögen. Das Ideal eines Buches wäre, alles auf einem solchen Plan der Äußerlichkeit auszubreiten, auf einer Seite, auf ein und demselben Strand: gelebte Ereignisse, historische Bestimmungen, Gedankengebäude, Individuen, Gruppen und soziale Formationen. […] Die flachen Vielheiten mit n Dimensionen sind asignifikant und nichtsubjektiv. Sie werden durch unbestimmte oder besser: durch Teilungsartikel bezeichnet (etwas Quecke, etwas Rhizom…).”[11]

[Das Kollektiv fragt: Wie können all diese unterschiedlichen Dinge auf einem Blatt Papier platt gedrückt werden?]

Das Denken bewegt sich außerhalb der vermeintlichen Zweidimensionalität des Papiers. Das Schreiben entsteht zwischen Kreisen und Krisen – außerhalb und innerhalb der Linearität des Textes und irgendwo dazwischen schlägt es Wellen. Das Rhizomatische und das Netzwerkartige des Denkens, Handelns und des Kollektiven werden eingezwängt in der Logik von Kausalem und Stringentem. In der Kombination von Schrift und Zellulose existieren wenig Abzweigungen. Die Vielschichtigkeit von Text entsteht in der Verbindung-Zersetzung-Verbindung des Wahrgenommenen und in den Zeilen selbst. Sie kann mit einfachen und komplexen Techniken – über Jahrhunderte in Schulen, Universitäten und Institutionen gelehrt, gelernt und entwickelt – probiert, intendiert und provoziert werden. Die Gleichzeitigkeit des gemeinsamen Schreibens, die sich uns im Netz eröffnet, kann diese Techniken vervielfältigen, sie verdrehen oder zu anderen Formen zusammensetzen, die uns das Papier nicht liefern kann.

Die fälschlicherweise als natürlich angenommene Verbindung zwischen Skript und Papier, zwischen Text und einzelne_r Autor_in, aber auch zwischen Bildschirm und Tastatur, zeigt Anflüge des Genialen. Es repräsentiert die Idee von Individuum – Gedanke – Ausfluss. Linearitäten dieser Art stoppen das Kollektive, das Gemeinsame in s_ihrem Denken, Formulieren, Austauschen. In den Techniken des Netzes finden wir Möglichkeiten, das Kollektive sprechen zu lassen und vervielfältigen unsere Optionen von Dimensionalität und Mobilität. Die Linearität des Textes in der Virtualität des Raumes erzeugt ein neues Raster, neue Möglichkeiten des Er- und Verfassens. Die Form drückt sich in das Ergebnis ein. Die Wellenbewegungen von groß zu klein und umgekehrt werden anders repräsentierbar; Subjekte, Körper, Identitäten anders sicht-, unsicht- und gar-nicht-bar.

Hyperlinks, Suchfunktionen, Verbindungslinien pfuschen uns in die Kausalität und Stringenz der Textform hinein und ermöglichen andere Wege durch unsere Gehirne. Schreibpads, Blogs, Wikis, Tweets: das Rhizomatische feiert s_ihr Comeback, s_ihren Geburtstag oder überhaupt erst den Einzug in den Text. Bewegungen durch den Text und über den Text hinaus werden anders möglich, das Dialogische und s_ihre unterschiedlichen und widersprüchlichen Formen bekommen neue Orte sich auszubreiten, zu vermehren und zu vervielfältigen.

Wir sind Kollaborateur_innen im Netz. Wir schreiben gemeinsam. Wir schreiben gleichzeitig. Real-Time. Ein, zwei, drei, viele Treffen auf anderen Ebenen. Nur der blinkende Cursor und wir. Das Soziale digitalisiert, irgendwie weit weg und gleichzeitig so nah. Ein anderes Soziales im virtuellen Austausch. Kommunikation zwischen dem Auge, welches der Stimme der aufscheinenden und verschwindenden Buchstaben folgt und der Berührung unserer Fingerkuppen mit der Tastatur. Echos in unseren Körpern und ein Lachen in der Stille des Raumes. Das wiederholte Scheitern im Suchen von Zeichenketten. Gespräch, Gedanke und Aussage synchron und simultan mit ihrer Dokumentation. Eine Vertrautheit, die darin wächst.

In Prozess und Medium entsteht die gemeinsame Andersartigkeit des Textes.

[Ein anderes Schreiben.]

[Ein wissenschaftlich-politisch-manifestes Blind Date.]



[1] Nochlin, Linda (1996): Warum hat es keine bedeutenden Künstlerinnen gegeben? In: Beate Söntgen (Hrsg.): Rahmenwechsel: Kunstgeschichte als feministische Kulturwissenschaft. Berlin, S. 35

[2] Vgl. Kristeva, Julia (2008): Das weibliche Genie – Hannah Arendt. Hamburg

[3] Vgl. Ebd. S. 9

[4] Ebd. S. 19

[5] Kristeva, Julia (2008): Das weibliche Genie – Melanie Klein. Das Leben, der Wahn, die Wörter. Gießen, S. 18

[6] Glissant, Édouard (2005): Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit. Heidelberg, S. 21

[7] Barthes, Roland (2014): Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie. Frankfurt am Main, S. 101

[8] Glissant

[9] Deleuze, Gilles und Félix Guattari (1977): Rhizom. Berlin, S. 13

[10] Barad, Karen (2012): Nature’s Queer Performativity. In: Kvinder, Køn og forskning / Women, Gender and Research Nr. 1-2, 25-53. Online: http://humweb.ucsc.edu/feministstudies/faculty/barad/barad-natures-queer-performativity.pdf [Zugriff: 25.03.2016], S. 29

[11] Deleuze/Guattari, S. 15