Ausstellungen
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Harburger Berge

1. Oktober — 1. November 2009

Sechs internationale Künstler, Künstlerinnen und -gruppen wurden eingeladen, für den Hamburger Stadtteil Harburg Arbeiten im öffentlichen Raum zu konzipieren, die bestehende Bilder vom urbanen Leben in der Peripherie befragen – und neue produzieren. Anders als es der bodenständig klingende Titel »Harburger Berge« suggerieren mag, geht es nicht darum, bleibende Harburger Wahrzeichen zu schaffen oder vorhandene Schönheiten zu betonen, sondern vielmehr darum ästhetische Erfahrungen von alltäglichen oder auch wenig vertrauten Situationen im Harburger Stadtgebiet anzubieten.

Die Ausstellung lädt ihre in- und auswärtigen Besucher zu Wanderungen durch die architektonische, soziale, historische und wirtschaftliche Stadtlandschaft ein. Einige Projekte stellen dabei Behauptungen auf, die an anderer Stelle widerlegt werden. Die sichtbar gemachten Fragestellungen gelten Themen wie »Authentizität« und »Repräsentation« und öffnen einen Möglichkeitsraum, in dem sich Kunst und Reflexionen über das (eigene) urbane Leben unmittelbar und produktiv rückkoppeln lassen.

Das Projekt folgt der Reihe »10°Kunst« und wird gefördert von der Behörde für Kultur, Sport und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg.

www.harburgerberge.net


Tatzu Nishi

Der in Berlin lebende japanische Künstler Tatzu Nishi öffnet mit seinen skulpturalen Eingriffen in alltäglichen Umgebungen neue Blickwinkel auf scheinbar gewöhnliche Dinge. Kirchturmspitzen, Straßenlaternen und Bronzeskulpturen werden durch die Umbauten Tatzu Nishis zu scheinbar privatem Wohnungsinventar: Der Künstler errichtet ein Wohnzimmer um einen Engel, der eigentlich Wetterhahn des Münster in Basel ist und lässt diesen zur Tischdekoration schrumpfen; ein steinernes Denkmalstandbild steht plötzlich mit beiden Füßen auf der Matratze eines Doppelbetts und eine kopfüber in einer Unterführung steckende Straßenlaterne gerät in seinem Interieur zur übergroßen Deckenlampe. In Harburg wählt der Künstler für seinen Eingriff kein geringeres Gebäude aus als das Rathaus und dessen 113 Jahre alte Uhr, um ein begehbares Wohnzimmer davor zu setzen.

Tatzu Nishi, *1960 in Nagoya (Japan), lebt in Berlin


Olaf Nicolai

Mit einfachen, aber sehr präzisen Eingriffen, Inszenierungen und konzeptuellen Setzungen versteht es Olaf Nicolai, komplexe Kontextverschiebungen zu veranlassen. Seine Arbeiten entstehen nicht aus einer künstlerischen Autonomiebehauptung heraus, sondern immer in direktem Bezug auf das politische, soziale, architektonische und institutionelle Umfeld, in dem sie realisiert werden. Sie können auf Geschichte und Gegenwart des Ortes referieren, genauso wie auf naturwissenschaftliche Fragestellungen und Konventionen innerhalb des Kunstsystems. Für sein Harburger Projekt bat Nicolai den Kunstverein, einen ortsfremden Doppelgänger zu engagieren, der an seiner Stelle den Stadtteil erkundet. Die auf diese Weise gesammelten subjektiven Eindrücke wurden von Nicolai bearbeitet, neu geordnet und in Buchform gebracht. Er setzt damit in Harburg seine im Jahr 2001 begonnene Reihe “How to produce a site-specific work anywhere” fort, die bereits Städten wie Wien, Prag und Moskau gewidmet war.
Das Harburg-Tagebuch ist im Kunstverein Harburger Bahnhof erhältlich.

Olaf Nicolai, *1962 in Halle/Saale, lebt und arbeitet in Berlin


Ivan Moudov

Ivan Moudov verkauft Taschenspielertricks, um seine eigene Kunstsammlung zu finanzieren, klaut Bestandteile zeitgenössischer Kunstwerke, um damit eine zweite Sammlung aufzubauen und feiert mit zahlreichen Journalisten die Eröffnung des Museums für zeitgenössische Kunst in Sofia (MUSIZ). In seinen Arbeiten kommentiert er humorvoll und historisch fundiert allgemeine Entwicklungen und “Logiken” innerhalb der internationalen Kunstwelt und die Situation der zeitgenössischen Kunst in Bulgarien im Besonderen. Machtstrukturen stellen den Anlass und Inhalt seiner Arbeiten, für deren Umsetzung er das Herstellen von Medienöffentlichkeiten ebenso als künstlerisches Mittel benutzt, wie Videos, Installationen, Fotografien und Performances. Im Rahmen seines Harburger Projektes kooperiert Moudov mit dem Bulgarian Institute of Culture (BIC), um Teile der Sammlung des Museums für zeitgenössische Kunst in Sofia (MUSIZ) in Harburg zu zeigen.

Ivan Moudov, *1975 in Sofia (Bulgarien), lebt und arbeitet in Sofia


Julia Bünnagel

Die bildhauerischen Arbeiten der Kölner Künst­lerin kreisen um das Thema “Urbanität”. Das städtische Leben, die Beobachtung von Architektur und “städtischer Psychologie” werden darin in abstrakter Form reflektiert. Julia Bünnagel entwickelt ihre Ausstellungen jeweils direkt auf den Ort bezogen, an dem sie gezeigt werden, und arbeitet in verschiedenen Medien. Meist handelt es sich um Installationen, teils mit photographischen Elementen, einige durch Sound erweitert. Es sind jedoch überwiegend “kühle” Materialien, die in perfekter Ausführung und geometrischer Anordnung eine Sensibilisierung für die Beschaffen­heit des Raumes erzeugen. Im Rahmen der Ausstellung realisiert Julia Bünnagel unter dem Titel “All Those Tomorrows” eine Installation in Hamburgs größtem Zivilschutzraum in der S-Bahn Harburg Rathaus/Eingang “Großer Schippsee”.

Julia Bünnagel, *1977 in Haan, lebt und arbeitet in Köln


Matthias Einhoff

In seinen Projekten erprobt der Berliner Künstler gestalterische und performative Beteiligungssituationen in sozialen Kontexten. An Harburg interessiert Einhoff das Vereinsleben als sozialer Raum und Möglichkeit von bürgerlichem Engagement. In einer durch ihn veranlassten Zeremonie treffen am 27. September 2009 auf dem Marktplatz “Sand” verschiedene örtliche Vereine aufeinander, eingeladen dazu, die Teilnahme als öffentliche Plattform für Meinungsäußerung und Selbstdarstellung zu nutzen. Ihnen wird dabei eine Form der Repräsentation zuteil, die sonst der Inszenierung staatlichen oder sportlichen Großereignissen vorbehalten bleibt: Die eigene Flagge wird gehisst, die Vereinshymne gespielt, Botschaften werden von einer Tribüne aus in Form von zusammengesetzten Großplakaten über­mittelt. Das Gleiche gilt für die anschließende “Dokumentation”: Kamerafahrten mit Kran unterstreichen die Bedeutung, die dem Ereignis bei­gemessen wird.

Matthias Einhoff, *1972 in Hildesheim, lebt und arbeitet in Berlin


ZimmerFrei

Die italienische Künstlergruppe ZimmerFrei verbindet Film in experimenteller Form mit Theater und Sound. Nach Panoramafilmen von Städten wie Rom und Athen ist nun auch in Harburg aus 360°-Ansichten des Binnenhafens und der Seevepassage ein Film entstanden, der auf sehr eigene Weise dokumentarische mit inszenierten Bildern verbindet. Mit Hilfe von Zeitraffung wird aus dem mit einer automatisch bewegten Kamera aufgenommenen, mehrstündigen Material ein ca. 15 min. Video produziert, in dem die Veränderungen der Witterungs- und Lichtverhältnisse ebenso sichtbar werden wie die Passanten, die sich am Bildhorizont in scheinbar rasend schnellem Tempo bewegen. Durch kleine Handlungsstränge erfährt die Arbeit eine Erweiterung um mehrere Ebenen, etwa wenn Schafe die Fußgängerzone durchqueren oder die sehr langsamen Bewegungen der Schauspieler durch die Komprimierung in eine leicht verrückte Normalgeschwindigkeit zurückversetzt werden.

ZimmerFrei, 1999 in Bologna gegründet. Anna de Manincor (*1972 Trento), Anna Rispoli (*1974 Bassano del Grappa) und Massimo Carozzi (*1967 Massa) arbeiten in Bologna und Brüssel

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