Ausstellungen
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fiber and liquids

27. Juni — 30. Oktober 2017

In seiner ideologischen Aufladung ist das sogenannte „Darknet“ zum ambivalenten Sehnsuchtsort geworden. Es funktioniert als Chiffre für unkontrollierbare Bedrohungen aus dem digitalen Raum auf der Schattenseite globaler Vernetzung und ist zugleich als digitales Unterbewusstsein lesbar, angefüllt mit der tatsächlichen oder imaginierten Kehrseite einer behaupteten Transparenzkultur. Dies geschieht stets in eindeutiger begrifflichen Abgrenzung „klarer“ digitaler Räume, die sich anders als die Inhalte des „Darknets“ über Suchmaschinen auffinden lassen, mit dem scheinbar düsteren Internet der Kriminalität oder des politischen Untergrunds. So klingen Bilder der Aufklärung an, in denen der Topos geistiger Erleuchtung der Dunkelheit des Primitiven, Ungebildeten, Kriminellen, Devianten oder Unbewussten gegenübersteht.

Dieser dichotome Sprechhabitus lässt das Zeitalter des europäischen Imperialismus anklingen, das die Terrae Incognitae, die weißen Flecken auf der Landkarte „schwarzer“ Kontinente, aus eurozentristischer Perspektive mit seinen Projektionen anfüllte. Zudem wurde das Motiv des subjektiven Reiseberichts in kartographisch unerschlossenes Gebiet mit Bewegungen zu zivilisatorischen und psychologischen Ursprüngen gleichgesetzt, in denen Gewalt und Sexualität gleichermaßen als Bedrohung und Versuchung die Landschaft definierten. Auch heute, da globale Vernetzung und Transparenz der Erfassung und Verwertung materieller und menschlicher Ressourcen dienen, legitimiert und verdeckt eine dichotome Sprache neo-koloniale Bestrebungen.

Die digitale Ausstellung fiber and liquids versammelt künstlerische Positionen, die das komplexe Verhältnis zwischen marginalisierten Räumen und strategischen Rückzugsorten, globaler Vernetzung und ihrer postkolonialen Auslassungen, Big Data und informellem Wissen, digitaler Transaktion und ihrer lokalen, physikalischen Verortung ausloten. Die Arbeiten von Graeme Arnfield, Laura Balboa, James Bridle, Louis Henderson, Till Krause, Tuomas A. Laitinen, Christian Sievers und Suzanne Treister setzen sich auf verschiedenen Ebenen mit Fragen der (Un-)Sichtbarkeit von Personen, Prozessen und Ressourcen auseinander. Sie thematisieren verborgene Zusammenhänge zwischen analogen, digitalen und spirituellen Welten, beschreiben die Topographie von Netzwerken und verdrängte ökonomische sowie historische Grundlagen der Informationsgesellschaften des Westens.