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THORBEN MÄMECKE
Wir reden hier von 'Irreführung der Maschinen'

Thursday, November 23, 2017

Max Horkheimer soll sein Unbehagen über den technischen Fortschritt einmal mit einem Gleichnis beschrieben haben, demnach die Telefonnummern schon wieder umgestellt würden, kaum habe man sie sich eingeprägt. Einige Jahrzehnte später machte die technische Entwicklung das Einprägen von Telefonnummern nahezu überflüssig. Heute scheint es so, als müssten ganze Wirtschaftssparten und andere gesellschaftliche Bereiche täglich mit dem Unbehagen leben, dass ihre grundlegenden Organisationsprinzipien durch eine neue Smartphone-App über Nacht umgestellt werden. Die Mieten verändern sich im Zeichen von Airbnb, Taxis werden überholt von Uber und vielerorts irritieren die Fahrradkuriere mit ihren viereckigen Kästen auf dem Rücken das Stadtbild – wie einst der Frühkubismus die klassische Moderne.

Mit Blick auf diese mobilgemachten Heere der Gig-Economy oder die im globalen Maßstab über Firmen, Cafés, Wohnzimmer und Coworking-Spaces verstreuten ,Digital-Nomaden‘ moderner Kreativberufe lässt sich festhalten, dass das moderne Prekariat unter den Zeichen des Fortschritts aus der Einschließung in den Werkshallen und den maschinellen Handlungsprogrammierungen an den Fließbändern industrieller Großbetriebe freigesetzt wurde; allerdings nur um den Preis, nun in unabhängiger Abhängigkeit Angestellter des eigenen Ich-Unternehmens zu sein oder mit anderen Individuen in der Gig-Economy täglich aufs Neue um rar gesäte Aufträge zu konkurrieren.
Im Zentrum dieser Entwicklungen stehen dabei in der Regel mobile Medientechnologien, die wie schon in der fordistischen Fabrik ökonomische Rationalisierungsmechanismen in Beziehung mit den arbeitenden Individuen bringen. Anders als die starren und deterministischen Produktionsabläufe der Industriearbeit binden sie Menschen nicht massenhaft als maschinelle Ergänzungen in den Produktionsablauf ein, sondern vereinzeln und individualisieren sie in einem persönlichen, interaktiven Verhältnis zwischen Individuum und Maschine: einem Verhältnis allerdings, das in gleichem Maße dynamische Kontrollinstanz ist und den Ausgangspunkt neuer Formen von Widerständigkeit bietet.

Der Begriff des Algorithmus ist seit jeher eng mit der Organisation und Steuerung von Arbeitsweisen verbunden. Zur gleichen Zeit, zu der Alan Turing seine berühmte Algorithmusdefinition ausarbeitete, entwickelte der amerikanische Mathematiker Emil Post einen ähnlichen Begriff, der zwar ebenfalls auf die Beschreibung mechanischer Abläufe zielte, allerdings anders als die Konzeption Turings nicht die Maschine als ausführendes Element des Algorithmus skizzierte, sondern an ihre Stelle den Fabrikarbeiter setzte.
Eine solche Konzeption stellt die Idee in den Mittelpunkt, dass ein Algorithmus auf verschiedene Weise und unabhängig von seinen physikalischen Trägern praktisch verwirklicht werden kann. Die zugrunde liegende Idee bleibt jedoch gleich: Das Befolgen eines Algorithmus ist ein Prozess, dessen Ausführung keine Abweichung und keinen Spielraum vorsieht.[1]
Posts Analogie war sicher nicht zufällig gewählt, sondern lässt sich neben der vorgegebenen Leserichtung (also dem Befund, dass ein Algorithmus im Sinne einer mathematischen Funktion mit ganz unterschiedlichen Elementen prozessieren kann) auch in der entgegengesetzten Richtung lesen. So gewendet dient er als analytische und metaphorische Beschreibung der Arbeitsrealität in den Einschließungsverhältnissen fordistischer Industrieproduktion und der an ihr orientierten, hierarchisch organisierten bürokratischen Arbeitswelt. Ein solcher Algorithmusbegriff spielt also auf die Fremdbestimmung durch teils kausale Handlungsprogrammierung bei gleichzeitiger Negierung von Individualität und Entscheidungsfreiheit an.

Während sich Posts ‚Fabrikarbeiter‘ zur damaligen Zeit dazu eignete, die mechanistische Überformung individueller Eigenschaften der Arbeitenden zu symbolisieren, verliert ein monokausales Algorithmusmodell mit seinen deterministischen Implikationen im Zuge des Wandels westlicher Arbeitsmärkte immer mehr an Erklärungskraft. Längst wurden in den entsprechenden Analysen ‚Disziplin‘ und ‚Unterdrückung‘ als primäre Kennzeichen moderner Arbeitsverhältnisse durch scheinbar gegenteilige Begriffe wie ‚Flexibilität‘ und ‚Improvisationsfähigkeit‘ ersetzt. Moderne Arbeitsfelder werden entsprechend mehr durch Eigeninitiative definiert und zeichnen sich gerade durch einen Mangel an Vorstrukturierung von Abläufen und erwartbaren Regelmäßigkeiten aus.

Der ‚Mensch‘ existiert in der postfordistischen Arbeitswelt nicht mehr als Verlängerung der Maschine, sondern ergänzt sie durch spontane Kreativität. Entsprechend begünstigt sie auch ein Subjekt, das über innere und äußere Erfolgsfaktoren beständig reflektiert und die Deformalisierung von tayloristisch-fordistisch regulierten Arbeitsstrukturen durch ein hohes Maß an Eigeninitiative und Experimentierbereitschaft ausgleichen kann. Solche Prozesse vollziehen sich oft unbemerkt und ihre Zeichen sind nicht immer einfach zu erkennen. Häufig verlangt ihre Deutung auch einfach nur besondere Aufmerksamkeit: etwa, wenn immer mehr Cafés und Bars die Gäste mit Laptops auf die hinteren Räume beschränken oder ganz verbannen. Auch Coworking-Spaces, welche die Grundmaximen der lohnarbeitsförmigen Arbeitsgesellschaft durch flexible Tarife wie „pay as you work“ ad absurdum führen, sind als Zeichen einer Freisetzung von Arbeitskraft aus der rigiden Angestelltenkultur zu deuten, der die nützlichen Elemente des Büroalltags (wie die räumliche Trennung zwischen Arbeit und Freizeit) nun warenförmig zurückverkauft werden.

Bezeichnenderweise scheint auch die Transformation des Algorithmusbegriffs der Transformation moderner Arbeitsformen mit engem Abstand zu folgen. In seiner informationstechnischen Variante markiert er heute gerade die flexiblen Eigenschaften technischer Systeme. Er bindet nun nicht mehr physische Entitäten in feste und vorstrukturierte Abläufe ein, sondern schaltet sich vermittelnd oder zur Erforschung und Überwachung zwischen die Individuen. Algorithmen interaktiver Internettechnologien bewirken auf diese Weise, dass global verstreute, partialisierte und unabhängige Arbeitskraft vergleichsweise spontan und anlassbezogen zur Erfüllung einzelner Leistungen oder zur Lösung spezifischer Probleme herangezogen werden kann.
Die digitalen Nomaden und Gig-Worker westlicher Metropolen, die Barry Brown (Professor für Mensch-Maschine-Interaktion an der Universität Stockholm) jüngst als ,On-Demand Mobile Workforce‘ bezeichnet hat, werden durch algorithmenbasierte Systeme in einen Zustand der permanenten Abrufbarkeit versetzt. Algorithmen vermitteln Gigs und Click-Work, kurzfristige Aufträge und Projekte vom Pizzatransport bis zur Programmierung eines Online-Shops. Im Fall von Deliveroo und Foodora fügen sie die beweglichen und individualisierten Elemente zu einem mal türkisen, mal pinken Puzzle zusammen und optimieren ihre Routen anhand einer opaken Mischung aus Standortdaten, Geschwindigkeitswerten, Tageszeiten, Verkehrsaufkommen und Wetterdaten. Sie ermöglichen den direkten oder anonymen Vergleich mit dem Durchschnitt einer diffusen Menge dezentralisierter und selbstständig arbeitender Freelancer und stellen ihnen über Gradmesser auch die Mittel für eine korrigierende Selbstjustierung bereit, um die Effizienz der eigenen Arbeitsroutinen zu erhöhen. Sie kombinieren unterschiedliche Fähigkeiten über Kontinente hinweg zu ‚Remote Teams‘ oder werden von den prekarisierten und nicht selten isolierten Anhängern der Creative Class selbst dazu genutzt, um ihre Gesundheit während der Arbeit unter den Vorzeichen einer ‚Sousveillance‘ zu überwachen oder intersubjektive Orientierungsmaße für Produktivität und Arbeitszeitvolumen zu ermitteln.

Ein Novum ist zudem, dass Zugriffe dieser Art nicht nur in einer Richtung stattfinden, sondern es in vielen Fällen zu einer gegenseitigen Beobachtung und Beeinflussung der Algorithmen und der durch sie beobachteten und gelenkten Individuen kommt, da z.B. Algorithmen und die durch sie in Bewegung gesetzten Fahrer füreinander niemals völlig durchschaubar sind.
Während die Wissensarbeiter im Zeichen der technologiegestützten Selbstoptimierung den eingeschliffenen Algorithmus ihrer Arbeitsgewohnheiten analysieren, um ihre Produktivität zu ‚hacken‘, versuchen Lieferanten und Uber-Fahrer durch Trial and Error zentrale Funktionen der Algorithmen zu verstehen, um ihr Trinkgeld zu erhöhen oder besoffene Fahrgäste zu meiden. Sie fahren absichtlich langsam, vermeiden Abkürzungen oder halten an Wochenenden Abstand zu einschlägigen Clubs und Bars und warten anschließend ab, wie die dynamischen und adaptiven Algorithmen reagieren. So erzählt ein Fahrradkurier und Journalist in einem Artikel der taz:

„Wenn ich eine kleine Strecke schnell fuhr, schlussfolgerte der Algorithmus, dass ich mit dieser Geschwindigkeit auch längere Strecken stundenlang ohne Pausen fahren kann. So musste ich innerhalb von ein paar Stunden mehrmals die Stadt bis zur Erschöpfung durchqueren. […] Ich fuhr also mit Absicht langsamer. Denn die App bestrafte mich mit langen Strecken, wenn ich schnell fuhr. Längere Strecken bedeuten weniger Bestellungen pro Stunde, was wiederum weniger Trinkgeld bedeutet. Um den Algorithmus auszutricksen, musste ich mein Durchschnittstempo reduzieren.“


Es wäre übertrieben zu sagen, es handle sich hierbei um eine positive Wendung des panoptischen Effekts, den Foucault in Anlehnung an den Juristen und Gefängnisreformer Jeremy Bentham als Steuerung durch antizipierte Beobachtung skizzierte – schließlich vollzieht sich die Beobachtung im Falle der Plattform-Ökonomien nicht nur hypothetisch, sondern sogar sehr betriebssicher. Nichtsdestotrotz lässt sich anhand moderner Algorithmen, die als dynamische Steuerungsformen an die Stelle disziplinarischer Determinismen treten, in Foucaults Sinne aufzeigen, dass sich Macht nicht als brachiale Herrschaft vollzieht, sondern als ein regulatorisches Kräfteverhältnis, das neben Instruktionen zur Selbst-Führung und Verfahren für die Überwachung ihrer Befolgung auch widerständige Praktiken umfasst. Denn während die Nutzer ihr quantifiziertes Alter Ego in der Uber-App, dem Productivity-Dashboard von Zeitmanagement-Software oder der Dispatch-Software von Lieferdiensten beobachten, um zu eruieren, inwieweit ihr Selbstzwang den Prämissen des Fremdzwangs entspricht, können sie gleichzeitig ermessen, wie weit sie die Bedingungen beeinflussen können, nach denen der Algorithmus „die Zeit, den Raum, die Bewegung bis ins kleinste codiert“[2] und arrangiert. Um „die Ökonomie und Effizienz der Bewegungen und ihrer inneren Organisation“[3]

 zu gewährleisten, können sich die modernen informationstechnischen Algorithmen nicht ausschließlich auf das fordistische Instrumentarium der disziplinarischen Handlungsprogrammierung berufen, sondern basieren in elementarer Weise auf dem Versuch die relativen Freiheiten der Individuen für sich nutzbar zu machen. Moderne informationstechnische Algorithmen negieren nicht mehr länger die Individualität von Angestellten, sondern treten im Kontext von Suchbewegungen auf den Plan, die moderne Arbeitsprozesse zuallererst zu verstehen im gleichen Zug aber auch zu optimieren versuchen. Wie sich gerade im Fall der größten Logistiker aus dem Einzelhandel zeigt, spekulieren selbst die ausgefeiltesten technischen Konzepte zur Arbeitsorganisation dabei immer zusätzlich mit der Improvisationsfähigkeit und -bereitschaft der Arbeitenden, die durch Algorithmen zumindest vorerst unersetzbar bleiben. Vergleichbar mit dem initiativlosen Handeln des braven Soldaten Schwejk – der berühmten Romanfigur von Jaroslav Hašek, die so folgsam ist, dass sie jeden militärischen Betrieb zum Erliegen bringt – setzen widerständige Praktiken wie Bummelstreiks hier nicht selten auf das Spiel mit den Algorithmen: z.B. durch das absichtliche rigorose Befolgen sämtlicher Details, jener rechtlich formalisierten oder technisch realisierten Versuche, menschliche Individualität zu kontrollieren und anzupassen. Das blinde Prozessieren von Vorstrukturierungen, deren Konstrukteure die Abläufe, die sie optimieren, selbst nie durchlaufen haben und die daher so diffizil und umfassend sind, dass sie ihr eigenes Ziel verunmöglichen, ersetzen hier – richtig ausgespielt – den Holzschuh im Getriebe.




[1] Vgl. Bettina Heintz, 'Die Herrschaft der Regel'
[2] Michel Foucault, 'Überwachen und Strafen', S.175
[3] Ebd.