Ausstellungen
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Hi Ventilation- 20 Jahre Kunstverein Harburger Bahnhof

22. September — 10. November 2019

Eröffnung: 21. September ab 16 Uhr

Feier: 2. November 2019


Hi Ventilation, show me your winding winds and breathe some air into the corners! Let’s pretend we’re trains, let’s roll together, let‘s train surf and challenge structures, let’s find fresh air and free spaces!

 

Das Spiel verkehrt: was man für oben hielt landet unten, was unten schlummerte schwingt sich hoch, Grenzen werden gedehnt, Ordnung kommt in Bewegung, für eine bestimmte Zeit, in einem bestimmten Rahmen. Ein Kunstverein kann so einen Rahmen bieten – der Kunstverein Harburger Bahnhof lebt von den surrenden Strukturen und der engen Bahntaktung um ihn herum, von einem Netzwerk aus Unterstützenden und den Ideen mit der Künstlerinnen und Künstler den historischen Raum für ihre Projekte nutzen. Seit 20 Jahren zieht die frische Luft jetzt durch den Bahnhof, ein Grund ein Hoch auf die Luftzüge zu sprechen, die ihr Windspiel mit dem Raum feiern!

Für eine spielerische Begegnung mit der Welt hat Johan Huizinga schon in einer düsteren Zeit einen hellen Begriff erfunden, denn in seiner 1939 entwickelten Vorstellung eines ludischen Handelns liegt seiner Vorstellung nach nicht nur der Ursprung der Kultur im Spiel, sondern auch die Möglichkeit zur Umkehrung von Machtverhältnissen und einem kreativen Umgang mit gegebenen Strukturen. Es ist eine Geisteshaltung, die ein Handeln ohne Zweckbindung zulässt, Eingefahrenes mobilisiert, die Spezialisten aus ihren Nischen lockt und in Austausch und Begegnung bringt. Damals hat der Begriff nicht geholfen, um den Menschen in eine bessere Welt zu führen – und 80 Jahre später ist er längst in Management-Kursen von seiner Zweckungebundenheit befreit, gebogen und gebrochen worden. Oder kann man ihn vielleicht heute nutzen, um den gesellschaftlichen Entwicklungen, die uns unserer Lebensgrundlage zu berauben drohen, einen positiven Schwung zu geben? Zurück ins Spiel zu kommen und Grundlagen für eine neue Ordnung zu schaffen, die ihren Erfolg nicht auf Ausbeutung und Missverständnissen gründet?

Was ist die Aufgabe eines Kunstvereins, was ist seine Funktion in einem Bahnhof, seine Rolle in einem Stadtteil Hamburg-Harburg? Er muss in Bewegung bleiben! Er muss rollen, zusammen mit seinem Publikum und sich öffnen! Er ist der Freiraum, an dem der Ball erst gelb angemalt und dann zurückgespielt wird.  Denn die Kunst hat durch die Kraft der Umkehrung die Kraft zur Vereinigung von Menschen, Dingen und Zusammenhängen, die einander außerhalb nicht begegnen. Ihre Utopien können einen Gegenentwurf zum Rat Race des Kapitalismus schaffen, zu destruktiver Ausbeutung und schlechter Laune durch Vereinsamung.

Also könnten wir auch gemeinsam rollen: auf einer Rollschuhbahn von assume vivid astro focus und durch ein Panorama voller botanischer und animistischer Grenzüberschreitungen und Forderungen von Melissa E. Logan, David Reiber Otálora, Niclas Riepshoff, Aleen Solari, Hoda Tawakol & Alison Yip.

Die eigens zu diesem Anlass entstandene Gestaltung der Rollschuhbahn von assume vivid astro focus ist wie ein wuchernder Backlash auf die ziviliserte Tropensehnsucht der Gründerzeit, in deren kolonialistisch geprägten Geist dieser Bahnhof erbaut wurde. Der Bodenprint nimmt Bezug auf eine historische Abbildung des ehemaligen Wartesaals der 1. und 2. Klassen, das den Bahnreisenden als nobles Restaurant mit Palmendekoration auf den Tischen und Schildkrötensuppe auf der Speisekarte zur Verfügung stand. Die wuchernde Rollschuhbahn lädt nun alle ein, rollend den Raum zu erobern und mit den 120 Jahre alten Schildkröten und ihren geschminkten Lippen durch den Raum zu fliegen, diesen wunderbaren, mysteriösen, langlebigen Wesen, die aufgrund ihres anderen Energielevels zu Opfern einer asymmetrische Gesellschaft wurden.

Die alten Machtverhältnisse sind Teil des globalen architektonischen Erbes. Auch wenn in diesem Bahnhof Menschen nicht mehr in 1., 2., 3. und 4. Klasse eingeteilt werden, sind diese Spuren Teil der Ausstellungshalle des Kunstvereins Harburger Bahnhof und Teil eines Stadtteils, der seinen Reichtum zur Zeit der Industrialisierung nicht zuletzt seinen Gummifabriken und dem Kautschukhandel aus dem Amazonas verdankte. In Anbetracht brennender Tropenwälder, aber auch einer globalen Schieflage, die ganze Nationen im Gedenken an ihre alte Großmacht in die Identitätskrise stürzt, müssen Machtverhältnisse neu verhandelt und patriarchale Strukturen hinterfragt werden:  Die britische Nischensportart Eton Fives ist genau wie das Harburger Bahnhofsgebäude im 19. Jahrhundert entstanden und hat mit ihrem asymmetrischen Spielfeld eine symbolische Architektur, die in einem skulpturalen Nachbau von Fion Pellacini in unserer Ausstellung zur Diskussion einlädt.

Der Sport kam am Eton College auf und wird mit der bloßen Hand und einem Ball gegen die Wand gespielt. Fion Pellacini setzt das Spielfeld wie ein Diorama in den Raum, in dem die alten Verhältnisse mit etwas Abstand beobachtet und letztlich neu sortiert werden können. Sein asymmetrisches, verwinkeltes Spielfeld steht für eine Freude an der Unberechenbarkeit. Diese Freude am Unberechenbaren entspricht einer urmenschlichen Freude am Spiel und Spiele gehören nicht in patriarchale Strukturen, sondern können alle Menschen in Bewegung bringen.

Daher wird der Fives Court in wöchentlich wechselnden Ausstellungen für verschiedene Spielweisen der Kunst verwendet, wird zum Ausstellungsraum im Ausstellungsraum und verhandelt mit der Ausstellungsreihe Five in Fives Themen, die im Zusammenhang mit der Struktur eines Kunstvereins gesehen werden können: Das Spiel, den Körper, das Netzwerk, den Garten und den Zug, der uns und unseren Verein in die nächsten 20 Jahre mitnimmt! Ende Oktober wird das Spielfeld für den Sport genutzt. Curt Schmitt war lange Jahre Eton Fives Trainer und wird im Rahmen der Ausstellung einen einwöchigen Workshop im Kunstverein anbieten. Infos und Anmeldung unter info@kvhbf.de

Am 2. November geht es darum, gemeinsam ins Spielen zu kommen – unsere Jubiläumsfeier wird ein vielschichtiges Fest mit vielen parallelen Aktionen, Performances, Konzerten, Musik – ein Wirbel, der den Luftzügen zuruft auf die nächsten zwanzig Jahre weiter im Raum zu bleiben: Hi Ventilation!